Der Vortrupp
8. Jahrgang Nr. 22 2. Novemberheft '
Gstjuden.
Hainburg, den 8. November 1919» Die nachstehenden Ausführungen werden manchem vielleicht auch um deswillen beachtlich erscheinen, weil sie in einer Zeitschrift stehen^ die jeden, gegen jetzige deutsche Staatsbürger gerichteten, Antisemitismus auf das schärfste ablehnt*).
Der preußische Minister des Innern hat kürzlich in einem Lrlaß an die Regierungspräsidenten das Folgende verfügt: Ls sei, im Gegensatz zu der bisher geübten Praxis, Linbürgerungsanträgen von Juden, die aus Polen und Galizien stammen, regelmäßig stattzugeben, wenn sie in persönlicher Beziehung einwandfrei seien, wenn sie ferner bereits seit längerer Zeit in Preußen ansässig seien, und wenn sie endlich eine auskömmliche Lebensstellung gefunden l ütten. Ls kann nicht wohl Verkannt werden, daß die drei Einschränkungen sich in der Praxis als Kautschukbestimmungen erweisen werden, daß insbesondere die „längere Zeit" der zweiten Bedingung in der Praxis auf Monate zusammenschrumpfen wird, daß also dieser Lrlaß den Gstjuden in
*) Unser grundsätzlicher (von mir verfaßter) Aufsatz hierüber steht auf den Seiten HYH—96 der Nr. 21 (zweites Dezemberheft) von 19(8. Seine einleitenden Sätze lauten so:
! „Unser Eintreten für die „„Rassenhygiene"" ist gelegentlich dahin gedeutet worden, als stünden wir in irgendeiner Verbindung mit dem Antisemitismus. Professor Natorp zum Beispiel hat das einmal tadelnd getan.
Nun lehnen wir aber im Gegenteil jeden gegen deutsche Staatsbürger gerichteten Antisemitismus auf das schärfste und unzweideutigste ab.
Das hat seinen Hauptgrund nicht etwa darin, daß, wie ich schon auf dem Ersten deutschen Vortrupp-Tage im Juni 19 ll festgestellt habe, unter meinen eigenen Ahnen auch Juden waren. (Ich sagte damals und fand Das nachher in der Tagespresse wieder „„Ich habe ebensoviele jüdische vorfahren wie germanische, und habe Veranlassung, auf beide gleichmäßig stolz zu sein"".) Denn eine solche Abstammung schließt ja, wie das Beispiel AkarBewers zeigt, nicht die Möglichkeit aus, ein von den Antisemiten voll anerkannter antisemitischer Schriftsteller und Agitator zu sein (eine Zusammenstellung, die allerdings meiner persönlichen Auffassung von Dem, was geschmackvoll ist, nicht entsprechen würde).
Der „Vortrupp" lehnt vielmehr vor allem jeden gegen deutsche Staatsbürger gerichteten Antisemitismus um deswillen ab, weil es sich um eine Richtung handelt, die einerseits mit durchaus unklaren Voraussetzungen über den Begriff „„Rasse"" arbeitet, und die sich andrerseits als völlig zwecklos erwiesen hat." (Beides wird dann näher begründet.) Hermann Popert.