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sein wird, in einer sich derartig entwickelnden Ortsgruppe gleich nach Deiner Rückkehr weiter mitzuarbeiten. Ebenso sicher muß es aber da zu einer Spaltung kommen, wo die Ortsgruppe von allen guten Geistern verlassen worden ist. Da werden die heimkehrenden Wandervogel-Soldaten vielleicht vorziehen, auf den „heiligen Berg" auszuwandern. Seine Lage ist noch nicht bekannt. Auch seinen Namen, auf den es diesmal wesentlich ankommt, weiß ich noch nicht zu nennen. Aber der neue Inhalt ist bereits vorhanden. Er strebt nach einer neuen Form, um sich in sie zu ergießen. Es liegt etwas Neues in der Luft, das sich gestalten will und über den Wandervogel hinausweist. Da wächst und wächst etwas, das die Grenzen des Wandervogels bald nach Friedensschluß sprengen wird, vorausgesetzt, daß die Grenzen nicht mehr dehnbar sind und die Wander- vogelbewegunz an Alterserscheinungen zu leiden beginnt. Dann gibt es eine Kettensprengung, weil sich eine wirkliche Jugendbewegung das natürliche starke Wachstum nicht verbieten läßt.
Ihr werdet mit wahrhaft religiösem Lrnst in die Heimat zurückkehren, den Blick fürs Wesentliche mitbringen und es nicht mehr ertragen können, wenn um nichtiger Dinge willen stundenlang aneinander vorbeigesxrochen und vorbeigehört wird. Ihr werdet dafür sorgen, daß nicht mehr so viele gutwillige Kraft durch Zänkereien vergeudet wird, daß sich die Jugendbewegung nicht wieder in Winkel verrennt. Dann schmieden wir gemeinsam weiter an unserm Werk. Möge herzliche Freundschaft, der Geist vollkommenen Einvernehmens und einmütigen Wollen? recht bald wieder in unser Land und in unsere Bewegung einziehen!
Das Erbe, das Ihr uns anvertraut habt, wird nicht untergehen. Das Wesentliche werdet Ihr nach Eurer Heimkehr unvermindert erhalten sehen. Der Funke wird überall am Glimmen bleiben, das Feuer nirgend ganz erlöschen. Und nach dem Kriege wollen wir
gemeinsam die große helle Flamme wieder entfachen!
In dem Wunsche, daß Dich diese Zeilen mit froher Zuversicht erfüllen werden, grüßt Dich mit herzlichem Heil Dein Walter Hammer.
wollen und Wirken
Bilder aus der lebensreformerischen Jugendbewegung unsrer Zeit
Vortrupp-Jugend in Briefen.
^) Heil! ... Ich denke, alle, die sich „freideutsch" nennen, müßten innerlich so wesensverwandt sein, müßten so sehr eine Kameradschaft bilden, daß es ihnen unmöglich wäre, sich gegenseitig mit dem steifen „Sie" anzusprechen. Ich war recht froh, als ich eine Karte bekam von einem Eh.er Wandervogel, der mich gleich „Du" ansprach! Freilich gibt's überall kleine Seelen, aber unter uns haben die keinen Platz. Ich hoffe, daß auch Du einverstanden bist, wenn ich Dich mit Du anspreche. Wenn ich mir so vorstelle, wie Du im Walde lagst, einsam, wie Du schreibst, beim Lesen des Vortrupp, als eine der Unseren und ich müßte nur denken, ich wäre dazu gekommen und fein zierlich hätte ich zu Dir gesagt: „Erlauben Sie, daß ich Sie grüße, Fräulein!" Dann müßte ich lachen. Nein, Nein! Ich stapfte auf Dich zu, würde Dir die Hand geben und sagen: „Gott zum Gruß, Mädel!" und setzte mich mit meiner Zupfgeige neben Dich, und dann wären wir schon gute Kameraden und brauchten nicht erst verlegen das plaudern vom„schönenWetter" und vom „grünen Walde" anzufangen. Nicht wahr! Du bist einverstanden? .. .
Im April war ich 3 Wochen in der Heimat. Jede freie Zeit habe ich zum Wandern benutzt. Wenn ich allein die