Jahrgang 
1915
Seite
481
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Der Vortrupp

4. Jahrgang Nr. ^6. Dezember W5

Weihnachten

Wir haben es nicht gedacht, als wir 1,91,4 Weihnachten feierten, daß uns das noch einmal im Kriege beschieden sein könnte; wir haben überhaupt nicht lange darüber nachgedacht, wie es nach einein Jahre sein würde. Zu gewaltig war das Gebot der Stunde, als daß man dein nachträumen konnte. Jetzt wissen wir, es ist noch immer Krieg, noch immer dröhnen die Kanonen, noch immer fließt das Blut unsres Volkes, noch immer kämpfen wir um Sicherheit, Freiheit und Weite unsres Volkslebens, und jetzt ist wieder Weihnachten. Die Friedens­botschaft tönt wieder in unsern Ohren wie himmlischer Glockenklang, mitten aus der Stille der Nacht; der Glanz der Sterne schaut uns in die Augen, und eine Wunderwelt will sich vor uns auftun, und das Wunder, um das es klingt und leuchtet, es ist das Rind in der Krippe.

Können wir ihm nahen, diesem holden Wunder, dem Friedens­fürsten in Kindesgestalt, dem Heil der Menschheit, wir, ein kämpfendes Volk, dessen Hände Blutarbeit verrichten? Wir wissen, die Hirten des Feldes, diese friedlichen Männer, die durften ihm nahen. Wir auch? Mit welcher Liebe hat nicht unser Volk sich in dies Bild ver­tieft, von dem Heiland und den Hirten, es immer wieder in unsre Welt umgebildet, sich selbst in die Hirten hineinversetzt und mit ihnen angebetet, aber ein Krieger war nie unter diesen Gestalten! Aber fast ist es, als ob es unser Volk drängt, den Krieger und das Kind zu­sammenzusehen. Ls entstand die Geschichte von Lhristoxhorus, der das Kind über den Fluß trägt und so gesegnet wird, und diese Ge­schichte wurde unserm Volke sehr lieb. Mir ist, als müßten wir heute diese Bilder zusammen sehen, die Hirten vor dem Kind in der Krippe und den Lhristovhorus, der das Heil der Welt durch den Strom trägt.

Ob es wohl Menschen in der Welt gibt, die mit tieferem Sehnen nach Frieden Weihnachten feiern werden als unsre Krieger im Felde, Menschen, die mehr die Last dieser Zeit tragen als sie? Und sie sollten nicht herantreten dürfen an das Jesuskind in der Krippe, weil sie die Waffen führen? Wofür streiten sie denn eigentlich, wenn nicht dafür, daß die Mütter die Kinder hüten und die Kinder fröhlich aufwachsen können; wofür streiten sie, wenn nicht dafür, daß den

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