Der Vortrupp
Jahrgang Nr. 2^ ^. November ^y^5
Deutschlands sittlicher Beruf.
Goethe sagte kurz vor seinem Tode, er sei den Deutschen ein Befreier gewesen; denn er habe ihnen gezeigt, „wie der Mensch von innen heraus leben" müsse. Sind die Deutschen diesem großen Beispiele immer gefolgt? Es läßt sich bezweifeln. Lines aber ist sicher: die Anlage dazu, das Leben von innen her zu gestalten, liegt in unserm Volke, ja bildet den tiefsten Trieb seines Wesens: und aus dieser Anlage ist alles Große entsprungen, was deutscher Geist bisher an Eigenem geleistet hat; ihr entstammen aber auch alle die Hemmungen, die es uns so unendlich erschwert haben, in der Gemeinschaft der Völker unsre Art zu behaupten und durchzusetzen.
Innerlichkeit des Geistes kann sich in zweifacher Weise äußern: einmal als stilles Versenken in die Welt der Gedanken und Gefühle, als träumerische Betrachtung des Daseins und künstlerische Darstellung des Geschauten; dann aber auch — wenn sich der Geist zum Wirken und Schaffen in der Außenwelt aufrafft — als Handeln aus rein innerlichen, sittlichen Beweggründen, als im eigentlichsten Sinne ethisches Handeln.
Schien in vergangenen Jahrhunderten die weltgeschichtliche Rolle des deutschen Volkes wesentlich auf das Gebiet einer intellektuellen und künstlerischen Geisteskultur beschränkt, so darf vielleicht die Erfüllung der ethischen Aufgabe — oder doch wenigstens ihre Förderung — als deutscher Beruf in der Zukunft bezeichnet werden.
Die europäische Kulturgeschichte der neueren Zeit hat, was äußere Machtentfaltung und Wirkungskraft angeht, zweimal einen Höhepunkt erreicht: in der französischen ästhetisierenden Kultur des ^3. und in der praktischen Nützlichkeitskultur Englands im ^9. Jahrhundert. Beide versuche, das Leben zu gestalten, lassen sich in gewissem Sinne als Außen- kultur bezeichnen, womit ihr relativer Wert, dem auch wir vieles verdanken, nicht herabgesetzt werden soll. Das Wesen des deutschen Geistes, der nach dem viel genannten Worte Richard Wagners von innen baut, ruht freilich auf ganz andern Voraussetzungen und weist auf andre Ziele hin.
Die französische Kultur ist sensualistisch, d. h. dem Sinnlichen (im weitesten Sinne) zugewandt: der Ausdruck steht ihr höher als der Gehalt; die angenehme und zugleich verständliche Horm erscheint ihr als das
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