Volume 
1915
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Der Vortrupp

Jahrgang Nr. 20 ^6. Oktober W5

Über Wesen und Bedeutung des Idealismus.

Die Idee bedeutet im Griechischen das, was wir im Deutschen als den Gedanken bezeichnen, das Erzeugnis unsres Denkens, das geistige Rind unsres Seins. Idealismus ist also diejenige Lebensrichtung, in der der Gedanke das Vorherrschende ist, unsre Lebensführung, unser Sein, unsre Kultur so zu gestalten, wie es dem Denkenden vorschwebt, um so das Vaterland, die Menschheit, höher zu führen. In diesen charakteristi­schen Eigenschaften liegt das Wesen des Idealismus begründet. Hierdurch unterscheidet er sich von dem Materialismus, dem Realismus, dem Mecha­nismus und dem Egoismus.

Für den Materialismus ist die Materie, der Stoff das Vorherrschende, die Gesetze des letzteren zu ergründen, genügt ihm als Aufgabe, die er sich stellt. Er übersieht oder leugnet, daß es etwas gibt, was nicht Stoff ist, und vergißt, daß allein schon sein Nachdenken über den Stoff etwas ist, was nicht Stoff ist. Und wenn er auch zehnmal kühnlich behauptet, daß die Denktätigkeit unsres Gehirns weiter nichts sei, als die Folge der chemi­schen Umsetzungsprodukte der Ganglienzellen unsres Gehirns, so muß er doch die Segel streichen vor den Wirkungen, die diese Tätigkeit unsres Gehirns in der Seele der Menschen auslöst, sie bessernd oder verschlech­ternd, sie erhebend oder niederdrückend.

Nicht viel anders ergeht es dem Mechanismus und dem Realismus. Während der Mechanismus seine höchste Aufgabe in der physikalischen Erklärung der Wunder der Welt sieht und sich hieran Genüge tun läßt, klammert sich der Realismus an die Erscheinungen der sichtbaren Welt, die er mit seinen Sinnen erfassen kann. Ist er nur Realismus, so wird er nie die Fähigkeit besitzen, unser Menschengeschlecht aufwärts zu führen. Ein Glück, daß der Realismus in all den Fällen, in denen er fruchtbar ist, gepaart ist mit dem Idealismus, der mit Hilfe der Idee, des vorwärtsstrebenden Gedankens, den Realismus befruchtet und zur Weiter­entwicklung erlöst, wie der männliche Samen das weibliche Ei.

Sehen wir uns nun mit den Augen des Realisten einmal in derWelt um, wo und wie derIdealismus in der Menschheit wirkt und gewirkt hat, so kön­nen wir getrost sagen, daß wir seine Spuren und seinen segnenden, beleben­den und erwärmenden Sonnenschein überall da gewahren, wo die Mensch­heit einen ihrer Schritte vorwärts getan hat, sei es, daß er als Buddha in

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