Jahrgang 
1915
Seite
369
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Der Vortrupp

Jahrgang Nr. V Oktober

Naturwissenschaft.

Es war ein Zeichen unsrer an Einzelheiten haftenden Zeit, daß sie die Achtung vor dem Denken verlor. Denken ist Zusammenfassen. Bei jeder einzelnen Betätigung des menschlichen Geistes ist dies Zusammen­sassen das eigentlich Schöpferische und Fruchtbringende. Die letzten und größten Zusammenfassungen vollführt die Philosophie. Aus ihr ent­springen die Weltanschauungen.

Zu diesem philosophischen Denken gehört eine besondere, vielleicht die größte Begabung. Die Welt hat lange auf einen Plato warten müssen. Und als er kam, wurde er nicht verstanden. Wieder vergingen Jahrhun­derte, bis ein Weltdenker von der Ausdehnung eines Emmanuel Kant geboren wurde. Sein völliges Verständnis ist späteren Jahrhunderten vorbehalten. Das erkannte und sagte er selbst.

Die Gleichmacherei mag vor allem dafür verantwortlich sein, daß wir die Achtung vor der besonderen Begabung verloren, und ferner die Über­schätzung der Einzelerscheinung. Wer naturwissenschaftliche Einzelerschei­nungen feststellt, bedarf keiner besonderen Begabung, aber zu der schöpfe­rischen Größe eines Aopernikus oder eines Robert Mayer gehört eine abgestimmte Begabung, die von der zusammentragenden Tätigkeit des Mittelforschers himmelweit verschieden ist.

Zwischen Denken und Denken ist schon in der Philosophie ein himmel­weiter Unterschied, ebenso wie zwischen schöpferischem und nichtschöpfe­rischem Kopfe, Genie und Talent, wie wir es kurz bezeichnen. Verstehen und Schaffen ist zweierlei. Die Begabung zum Schassen ist ein Götter­geschenk, spärlich verteilt auf dieser Leutekugel; die Begabung zum ver­stehen ist glücklicherweise weiter verteilt, sie treibt nur dann unerquickliche Frucht, wenn sie sich über sich selbst täuscht und sich für schöpferisch hält. Dann verfällt sie in Stümperei und Quälerei. Aber in Albernheit und Narretei verfällt die gänzliche Unbegabung, wenn sie an das große Den­ken kommt.

Ein vergleich mit der Musik liegt so nahe. Musikschöxfer schaffen für Musikverständige. Der lediglich Musikverständige bringt es, wenn er schaffen will, nur zur Stümperei. Dennoch ist er um sein Musikverständnis von allen Unmusikalischen zu beneiden. Ein großer Naturwissenschaftler kann ganz unmusikalisch sein. Das schadet seiner Bedeutung als Natur-

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