Der Vortrupp
Jahrgang Nr. V Oktober
Naturwissenschaft.
Es war ein Zeichen unsrer an Einzelheiten haftenden Zeit, daß sie die Achtung vor dem Denken verlor. Denken ist Zusammenfassen. Bei jeder einzelnen Betätigung des menschlichen Geistes ist dies Zusammensassen das eigentlich Schöpferische und Fruchtbringende. Die letzten und größten Zusammenfassungen vollführt die Philosophie. Aus ihr entspringen die Weltanschauungen.
Zu diesem philosophischen Denken gehört eine besondere, vielleicht die größte Begabung. Die Welt hat lange auf einen Plato warten müssen. Und als er kam, wurde er nicht verstanden. Wieder vergingen Jahrhunderte, bis ein Weltdenker von der Ausdehnung eines Emmanuel Kant geboren wurde. Sein völliges Verständnis ist späteren Jahrhunderten vorbehalten. Das erkannte und sagte er selbst.
Die Gleichmacherei mag vor allem dafür verantwortlich sein, daß wir die Achtung vor der besonderen Begabung verloren, und ferner die Überschätzung der Einzelerscheinung. Wer naturwissenschaftliche Einzelerscheinungen feststellt, bedarf keiner besonderen Begabung, aber zu der schöpferischen Größe eines Aopernikus oder eines Robert Mayer gehört eine abgestimmte Begabung, die von der zusammentragenden Tätigkeit des Mittelforschers himmelweit verschieden ist.
Zwischen Denken und Denken ist schon in der Philosophie ein himmelweiter Unterschied, ebenso wie zwischen schöpferischem und nichtschöpferischem Kopfe, Genie und Talent, wie wir es kurz bezeichnen. Verstehen und Schaffen ist zweierlei. Die Begabung zum Schassen ist ein Göttergeschenk, spärlich verteilt auf dieser Leutekugel; die Begabung zum verstehen ist glücklicherweise weiter verteilt, sie treibt nur dann unerquickliche Frucht, wenn sie sich über sich selbst täuscht und sich für schöpferisch hält. Dann verfällt sie in Stümperei und Quälerei. Aber in Albernheit und Narretei verfällt die gänzliche Unbegabung, wenn sie an das große Denken kommt.
Ein vergleich mit der Musik liegt so nahe. Musikschöxfer schaffen für Musikverständige. Der lediglich Musikverständige bringt es, wenn er schaffen will, nur zur Stümperei. Dennoch ist er um sein Musikverständnis von allen Unmusikalischen zu beneiden. Ein großer Naturwissenschaftler kann ganz unmusikalisch sein. Das schadet seiner Bedeutung als Natur-
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