Volume 
1915
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Der Vortrupp

H. Jahrgang Nr. ^7 ^. September ^9^5

Lebensreform und Arbeitsnachweis.

Unser Leben ist kurzatmig geworden, Wir sind immer eilig, so eilig, daß wir jede technische Begünstigung unserer Eile geradezu als Kultur­fortschritt ansprechen.

Nicht wahr, so ist es doch? Der Schnellzug war doch einer? Die Straßen­bahnen und die Untergrundbahnen, sie waren doch Kulturfortschritte? Das Auto, der Flieger wer wird zweifeln? waren es auch!

Oder doch nicht? Verpestung der Landstraßen, das wäre zu ertragen. Aber die Eisenbahn befördert auch Möbelwagen, und der Schnellzug trägt auch ganze Familien von Stadt zu Stadt. Manche Familie liegt in ihrem Leben nicht nur einmal liegt fast dauernd mit Hab und Gut und Kind und Kegel auf den blanken Schienen, stets einem neuenHeim" entgegen­fahrend. Ist das auch zu ertragen? Es muß wohl ertragen werden.

Aber das ganze Volk wandert. Alle Banden der Sippe lösen sich. Das Volk wandert nun schon seit Jahrzehnten. Hätten wir nicht die tech­nischen lvunder, die das äußere Aussehen der Wanderung verändern, dann wäre schon längst der Zigeunerwagen das Kennzeichen unserer Zeit geworden. Aber tatsächlich treiben wir's noch schlimmer als die Zigeuner. Die haben einfach ihr Heim auf Räder gestellt und ziehen mit ihm hin und her. Wir ziehen umher und nehmen nicht einmal ein Heim mit. Selbst der Nomade der Steppe nennt ein Haus sein eigen, sei es auch nur das bewegliche Zelt. Wir aber uns gehört nichts. Gin paar Möbel, das ist alles. Schon die Tapete, die den Hintergrund für unsere Möbel

bildet, leiht uns der Hausherr. Daß die Göttin--in friedliche feste

Hütten wandelte das bewegliche Zelt", preist Schiller als einen Kultur­fortschritt. Wir haben das Gegenteil vollbracht. Haus und Hof welche Gefühle der Sehnsucht löst das Wort in uns aus haben wir in die (viel­leicht sogarmöblierte") Etage verwandelt, die heute in Berlin in der Ziethenstraße, morgen in Eharlottenburg in der Franklinstraße, über­morgen in Leipzig am Baumschulenweg und im nächsten )ahr in Elber- feld am Wall liegt.

Kultur war es also doch wohl nicht, was wir uns neuerdings erschaffen haben: Es war nur Zivilisation.

So muß es nicht sein! Die blanken Schienen, auf denen die Räder rollen, könnten auch unser Segen sein. Hatten wir uns denn in unserm

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