Der Vortrupp
Jahrgang Nr. ^ ^6. Juli ^^5
Die deutschen Reformbestrebungen und der Krieg.
Man wird in Deutschland die Zeit unmittelbar vor dem Weltkrieg vielleicht einmal die Zeit der „Reformen" nennen. Kaum jemals und irgendwo ist an dem inneren Ausbau eines Volkes und Staates so ernst und fast leidenschaftlich gearbeitet worden, wie in dem Deutschland des beginnenden 20. Jahrhunderts. Der Weltkrieg hat diese Reformen nicht unterbrochen, vielmehr gehen die stärksten Hoffnungen dahin, daß er sie wesentlich fördern werde, wie das geschehen könnte, ist freilich nicht ohne weiteres zu übersehen.
Die Reformbewegungen wenden sich — das ist ihr Wesentliches — alle gegen jene Züge in unserer jüngsten Vergangenheit, die dieser den Namen einer ausgeprägten Übergangszeit verschafften. Ls ist oft genug gesagt worden, worum es sich dabei handelt, politisch war diese Zeit durch die Reichsgründung und deren glänzende, dabei aber einstweilen nicht genug sicheren Ergebnisse bezeichnet, sozial durch den völligen Mangel eines neuen, zeitgerechten Gesellschaftsaufbaus, wie durch das Versagen des alten, wirtschaftlich aber vor allem durch einen jäh entwickelten Kapitalismus, der mit früh erkannten großen Wirtschafts- zwecken der Gemeinschaft rang. So war eine Überfülle von Widersprüchen und Gegensätzen über eine Generation ausgestreut. Wir sollten in den letzten dreißig, vierzig Jahren viel auf einmal leisten: wir sollten einen jungen Staat inmitten sehr alter innerlich ausbauen, äußerlich festigen, und zu gleicher Zeit die Krisen einer gesamteuropäischen, ja einer Weltentwicklung auf den wirtschaftlich-sozialen Gebieten besonders gründlich und ausgedehnt verarbeiten. Kein Wunder, wenn oft die technischen Mittel zur Bewältigung des Lebens die Hauptsache für uns wurden, die letzten Zwecke aber dem Auge dieses Geschlechts zu entschwinden drohten. Ja: die Mittel wurden für die Zwecke selbst genommen. Relativismus, Zweifelsucht, Indifferentismus, bei fieberhafter äußerer Geschäftigkeit eine sittlich-seelische Passivität, die oft wie Schwäche anmutete, jene berühmte „Reizsamkeit", die vielfach schließlich ein Unterliegen gegenüber der Vielfältigkeit dieses Lebens bedeutete und zur inneren Verödung führte: das waren die geistig-kulturellen Zeichen dieser Zeit. Dabei war unser altes Volksgewissen keineswegs tot, niemand von uns war zufrieden mit diesem Zustande. Das Deutsch-
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