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1915
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Der Vortrupp

Jahrgang Nr. ^0 ^6. Mai

Vom Wanderergeist vor und nach dem Kriege.

)n den letzten Iahren vor dem Kriege ging ein seltsamer neuer Zug durch unser Leben. Er wollte gar nicht recht zu unserer Vorstellung von dem tintenklexenden Jahrhundert und von dem Zeitalter der Neurasthenie passen. Etwas wie Waldesduft und Lerchentrillern drang in unser Kulturleben hinein. Mit den Jungen fing es an. Die Alteren standen zuerst zweifelnd als Zuschauer dabei, dann aber mit herzlicher Freude; und manch einer versuchte wohl, ob er selbst noch mitmachen könnte und kam dazu, auch in sein eigenes Leben noch etwas Waldesduft hineinzubringen.

Wanderergeist: das ist diese neue und fast rätselhafte Macht. Aber dies ZVort sagt doch mehr, als der Klang zuerst zu bedeuten scheint. Daß die Lust, Ausflüge zu machen, erstaunlich wuchs wie ja männiglich bekannt, das ist nur e i n Zeichen der Zeit, und es ist nicht die Hauptsache. Ein jugend­licher Vertreter dieses neuen Geistes sagte einmal:Wanderer sein, das ist kein Sport, es ist eine Weltanschauung". Das mag wohl jugendlich über- schwänglich sein, manche mögen es gar überspannt finden, aber wer dies sagte, hatte doch so unrecht nicht.

Daß das Leben einer Wanderung zu vergleichen ist, das ist keine neue Entdeckung. Aber daß dabei jetzt nicht, wie einstmals, an eine mühselige Wanderung durch eitel Wüstenei gedacht ist, sondern an die frohe Wan­derung mit den unzähligen köstlichen Eindrücken in Wald und Feld, in menschenwimmelnden Wohnstätten und überweltlichen Einsamkeiten: das ist das Bedeutsame daran. Und dieser Frohsinn wendet sich mit Vor­liebe all dem Kleinen, Feinen und Zarten zu, das der durchschnittliche Spießer übersieht und der blasierte Snob für unterhalb der Würde seiner Geldbörse hält, und auch all dem verschlossen selbstbewußten Großen, das für den Mitteleuroxäer von heute nicht oberflächlich genug sichtbar ist. Darauf kommt es an: an einfachsten Dingen und Eindrücken seine tiefsten und reinsten Freuden zu erleben, einerlei, ob das ein weiter Blick über eine schlichte Landschaft ist, ein einfaches Heulager, ein selbst be­reitetes Mittagessen oder gar ein Stück trockenes Schwarzbrot. Und wer erst einmal an diesen Stil gewöhnt ist, den zwingt es geradezu, nicht nur seine sonntägliche freie Zeit, sondern auch seinen Alltag so einzurichten, daß die einfachsten Dinge die größte seelische Wirkung zeitigen. )hm wird sich alles darum drehen, sein Streben nicht erlahmen zu lassen, aber nicht

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