Volume 
1915
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169
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Der Vortrupp

Jahrgang Nr. y ^. Mai ^^5

Unser Teil.

Als der Krieg seine schwere Hand auf uns legte, da zuckten wir zu­sammen und wähnten: Jetzt hat er uns. Aber in Wirklichkeit hatte er uns damals noch lange nicht. Wir glaubten im Grunde, ihn zu haben, wie man etwas anderes hat. Wohl rüttelte und erschütterte er uns in den ersten Wehen seiner Entstehung gewaltig; aber wir hatten doch noch Zeit und Neigung, ihn nicht sür unsere allereigenste Angelegenheit zu halten; ein Privatkämmerlein glaubten wir zurückbehalten zu müssen, wo er nichts zu suchen hatte. Er holte sich die wehrfähigen Männer und führte sie auf rollenden Wagen hinaus in Feindesland. Wir blieben zurück, um uns kümmerte er sich zunächst wenig. Wir richteten uns ein und konnten gar nicht so recht an ihn glauben. Wir saßen in unsern Gärten und träumten in den warmen Sommerabend hinein und schliefen in weichen Betten. Wo war er denn? Wie aus einer fremden Welt geisterten seine Schrecken durch unser Sein.

Aber er kehrte mit den leeren Wagen wieder zurück, und das Gesicht des täglichen Lebens begann sich zu ändern, langsam aber stetig. Es fing an stiller zu werden. Ein Druck legte sich aufs -Herz. Wir hatten das Gefühl, als stände er überall vor uns mit weitgeöffneten, starren Augen, um uns zuzuschauen. Ls gab kein Verkriechen mehr. Überall blickte er hinein, ins Arbeitszimmer, in Rüche, Keller, Rammer, ins Herz. Und aus dem Schauen wurde ein Fragen, das immer dringlicher klang: Was treibst du? Was denkst du? Ein Mahnen schwebte um uns auf Schritt und Tritt, in Wachen und Schlaf. Ein Fordern schließlich klirrte mit eisenscharfen Lauten ins Ghr, ins Herz: Es gibt kein Entrinnen. Du gehörst mir mit Leib, Seele, Tun, Treiben, Denken. Dein Leben regele ich. Du magst wollen oder nicht.

Und heute wissen wir's: Jetzt hat er uns. Er ist nicht mehr bloß ein Schrecken odermal etwas anderes", oder nur ein Gegenstand der Auf­regung oder der Freude. Er ist auch nicht mehr bloß dann bei uns, wenn wir die Zeitungen und die Feldpost lesen, oder wenn wir uns über den Rrieg aussprechen. Er redet zu uns aus jedem Ding und jedem Wesen, aus dem Gerät, das wir in die Hand nehmen, und aus der Speise, die wir zum Munde führen. Er sitzt auf dem leeren Platze neben dir an deiner Arbeitsstätte; er blickt dich aus jedem Gesicht an, das dich grüßt. Er reißt

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