Der Vortrupp
H. Jahrgang Nr. 7 ^. April ^^5
Bismarck als Mahner.
In seinem Antimachiavell hat Friedrich der Große es zum erstenmale mit aller Deutlichkeit ausgesprochen, daß die persönliche und berufliche Ehrenhaftigkeit eines Staatsmannes eine ebenso unerläßliche Vorbedingung auch aller politischen Erfolge sei wie Genialität und Arbeitskraft. Mit leidenschaftlicher Erbitterung wandte sich der deutsche Fürst gegen die Lehren des Italieners, dem alle Mittel der Grausamkeit und Gewalt, der List und Verstellung erlaubt und recht schienen, sobald es sich um Macht oder Vorteil des Staates handelte, der nicht einmal den Zweck, der doch die Mittel heiligen sollte, auf ihre sittliche Berechtigung untersuchte, und dem daher Männer wie der Papst Alexander VI. oder der blutige Eesare Borgia als nachahmenswerte Vorbilder erschienen. Sie hatten ihre Absichten mit äußerster und rücksichtslosester Folgerichtigkeit durchgeführt, und das stempelte sie nach Machiavellis in seinem Hauptwerk „II ?iinoi'pe" niedergelegten Ansicht zu bewundernswerten Staatsmännern. Dabei war Machiavelli merkwürdigerweise selbst bei all seinem Tun einzig von glühender Vaterlandsliebe und dem sehnsüchtigen Wunsche, Italien groß und einig zu sehen, beseelt, und das letzte Kapitel seines Werkes steht turmhoch über seinen eigenen Lehren.
Obwohl schon Friedrich der Große der Ansicht, daß in der Politik jedes Mittel erlaubt und nur auf seine Zweckmäßigkeit hin zu prüfen sei, auf das schärfste und bestimmteste entgegengetreten war, war und blieb man in der breiten Öffentlichkeit überzeugt, daß ein Staatsmann der unlauteren Mittel nicht völlig entraten könne, wo es ernstlich um das Wohl und die Macht seines Volkes ginge. Diese Ansicht verdichtete sich zu dem allbekannten Wort Politik verdirbt den Charakter". Auch der von Haus aus und in seinem persönlichen Leben ehrenhafte Diplomat schien gezwungen zu sein, mit den Wölfen zu heulen, um seine Pflicht, die Interessen seines Staates zu wahren, überhaupt erfüllen zu können.
Es wäre früher schwer und schier unmöglich gewesen, einen Gegenbeweis anzutreten. Die Geschichte der Menschheit schien nur das eine zu lehren, daß, die reinen Herzens und unschuldiger Hände sind, im Kampfe des Lebens unterliegen müssen, von Christus an bis auf den heutigen Tag.
Freilich, man hielt oft genug Schwäche für Güte oder verwechselte den äußeren Erfolg mit dem inneren; man wußte nicht, daß es ein triumxhieren-
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