Der Vortrupp
Jahrgang Nr. 5 ^. März
Die schuldigen.
Bis zum Überdruß ist uns seit dein Ausbruch des Krieges der Haß gegen unsere Feinde gepredigt worden. Als ob es dessen bedürfte! Wo er berechtigt ist, da stellt er sich von selber ein mit der ganzen ungeheuren Wucht der uns von zahllosen Geschlechtern leidender, kämxfender, ewig bedrohter Menschen vererbten, ursprünglichsten Empfindungen. Und wo er kein Recht hat, da sollte man ihn nicht fordern.
Es wird niemandem einfallen, zu verlangen, daß der angreifende Soldat, der seine Kameraden neben sich fallen sieht, den selbst jeden Augenblick die feindliche Kugel treffen kann, seine Seele frei halten solle von dem Haß, der ihn ja gerade so unwiderstehlich vorwärtsreißt und seinem Angriff die notwendige Stoßkraft und Ausdauer gibt. Der Wunsch, das Vaterland zu schützen, bleibt ja doch die tiefste und edelste Triebkraft seines Kampfes, selbst wenn die Wut auf den zähen Gegner, der nur unter so furchtbaren Verlusten geworfen werden kann, jedes andere Gefühl auszulöschen und zu verdrängen scheint.
Der Bedrohte hat sicherlich das Recht zu hassen. Er müßte kein Mensch sein, wenn die unmittelbare Nähe von <Z)ual und Tod, verbunden mit dem ungestümen Drang, den Feind zu schlagen, sein Blut nicht in zornige Wallung brächte. Man kann nicht kalten Blutes töten, und beklagenswert wäre, wen bei der Arbeit mit Kolben und Seitengewehr nicht der Taumel packte, der die fürchterliche Pflicht erträglich macht.
Der Haß, der einem Menschen gilt, ist schließlich auch das tragische Vorrecht Derer, die in ihrem Glück durch menschliche Schuld tödlich getroffen wurden, ein Recht, das wieder und wieder von tapferen Herzen der höheren Erkenntnis von der Gebundenheit alles menschlichen Wollens zum Opfer gebracht worden ist. Auch unter dem Weltgeschick dieses Krieges vollzieht sich täglich und stündlich dieses Darbringen des Hasses an heiligster Opferstätte, dieses Niederlegen der Schmerzens- bürde in einem völligen verzicht. Tausenden von vereinsamten Frauen ist ihre Trauer zu heilig und zu groß, um sie mit Haß und Racheverlangen zu beflecken. Sie fordern nicht einer fremden Mutter Sohn für ihren eigenen. Sie wissen, daß viel unschuldiges Leiden an jeder fremden Schuld hängt.
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