Der Vortrupp
Jahrgang Nr. H ^6. Februar ^9^5
Deutsche Tracht.
„von allen Europäern sind wir Teutsche fast diejenigen, welche auch hier am meisten vom Wechsel und von den Launen und Thorheiten fremder Völker abhängen. Abgeschmackter, lächerlicher und zweckwidriger kann nichts seyn, als wie ein europäischer Mann, vorzüglich wenn er stattlich und feierlich sein soll, seit zwei Jahrhunderten auftritt. Wenn man seine verschnittene und verstümmelte Kleidung sieht, sollte man glauben, sie sey Hunden und Affen ausgezogen, die ein Gaukler mit der Veitsche in der Hand dem Oöbel zum Tanze aufführt, und aus versehen auf seinen Leib gethan: da ist alles für das Lächerliche und Häßliche,—'für die Gesundheit die Schönheit, den Wohlstand auch fast nichts. Wir würden vieler kleinen und eitlen Sorgen los, unsere Jugend würde von vieler Geckerei und Gaukelei errettet, wenn wir von der Tracht unsrer Vorfahren uns das Natürliche und Männliche wieder nähmen, das sie vor 200 und 300 Iahren noch hatte."
So schrieb E r n st M 0 r i tz A r n d t in seinem Büchlein „über Sitte, Mode und Rleidertracht. Ein Wort aus der Zeit." Heute, nach ^00 Jahren, sind diese Worte noch nicht veraltet. Das weiß jeder, in dessen Schönheitssinn sich verstehendes Denken mit fühlendem Schauen verbindet. Wer auf unsern Straßen einmal die Kleidung betrachtet und dabei fragt: „Warum dies so und jenes so?", der wird bald über die vielen sinnlosen, unzweckmäßigen und häßlichen Sachen den Roxf schütteln. Line Kulturabgabe harrt hier noch ihrer Lösung. Schon seit einigen Jahren wird bewußt daran gearbeitet. Das neue Kunstgewerbe und die freideutsche Jugendbewegung haben manchen gelungenen Versuch gezeitigt. Aber noch fehlte der günstige Boden im Leben des Volkes für die Aufnahme der neuen Leitgedanken. Die Kriegszeit, die Abneigung gegen alles Fremde erweckte und den Sinn für Einfachheit und Echtheit erstarken ließ, hat hier Wandel geschaffen. Manche Äußerungen in Zeitungen und im Volksmunde erwecken gute -Hoffnungen für die Bestrebungen, eine neuedeutscheMänner-undFrauentracht zu schaffen.
Es mag seltsam erscheinen, daß ich (ein ins Feld ziehender Soldat) in all der Aufregung und Not des Krieges auf eine Aufgabe zweiten Ranges hinweise. Ich glaube aber, daß hierdurch Manchem der Zurückbleibenden eine gute Anregung gegeben wird. Im übrigen halte ich es mit Ernst Moritz Arndt, der in demselben Büchlein sagt:
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