Volume 
1914
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3. Jahrgang Nr. 22

Der Vortrupp

1(6. November 1914

Herausgegeben von vi'. Hermann M. Popert, Hamburg, und Kapitänleutnant a. D. HansPaasche, Berlin. verantwortlicher Schriftleiter: I)r. pbil. R. Kraut, Hamburg 20.

Mtteilungen

des Deutschen Vortrupp-Bundes

In zwangloser Reihenfolge (von Gktober bis Mai in der Regel einmal monatlich) als Beilage zumVortrupp" für die Vortrupp-Gruppen und Vortrupp-Freunde herausgegeben von der

^ Geschäftsführung desDeutschen Vortrupp-Bundes"

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Inhalt. Was sollen wir tun? Aus der vor-

Mas sollen wir tun?

Zu dem Aufsatz unter dieser Überschrift in den letzteir Mitteilungen des Vortrupp­bundes möchte ich gern noch einige Zusätze machen.

wer unter uns fühlte nicht, daß eine große Zeit angebrochen ist, daß wir ein gewaltiges Stück Weltgeschichte erleben? Sorge, Not, Kummer, Trauer, tiefsten Schinerz hat so vielen schon diese Zeit ge­bracht. Und doch empfinden wir alle, daß es etwas Großes, Herrliches darum ist, es erleben zu dürfen. Es liegt über uns wie eine heilige weihe, daß die Sehnsucht wach wird, irgendwo, irgendwie mitznschaffen an dem gewaltigen Bau, der sich bilden will. Lebt jetzt nicht in uns allen ein heiliger Wille, uns wert zu zeigen, am neueil Deutschland teilzuhaben?

Da tut's dann doppelt weh, noch so manches zu sehen, was allem Ernst und aller Größe der Zeit Hohn spricht. Tausende unter uns trauern schon um ihre Gefallenen, taufende und abertausende unserer Soldaten liegen tagelang unter größten Entbehrungen in den Schützengräben, sehen täglich dein Tode ins Auge, unermüdlich üben die Schwestern ihren schweren Beruf aus. Müßten wir Zurückgebliebenen nicht ehr­furchtsvoll still sein vor all dem schlichten Heldentum? Aber geht einmal durch die Straßen, seht in die Läden! Seht die neuestenModelle", seht dieUlk- und Witzkarteil", lest abends die Theateranzeigen! Possen und Schwanke, zeitgemäßeKriegs- ansstattungsstücke"! Man hat genug, wenn man die Überschriften gelesen hat. Nicht genug daran, daß derartige Stücke geboten

werden, es wird teilweise Reklame mit einem Eifer und einem Kostenaufwand getrieben, die einer besseren Sache würdig wären. Line ganze Zsitungsseite wird von wieder­gaben einzelner Bühnenbilder eingenommen und im nebenstehenden Text betont, daß auch der Humor unserer Soldaten im Felde zu seinem Recht komme. Haben denn die Menschen, die derartiges uns zu bieten wagen und die, die abends noch dazu Lei­fall klatschen, niemals ernsthaft an unsere Krieger gedacht, haben sie keinen Feldpost­brief gelesen? Dagegen werden wir aller­dings machtlos sein, daß es Leute gibt, die durchaus den Ernst der Zeit verkennen, aber wehren müssen wir uns dagegen, mit ihren Geisteserzeugnissen überschüttet zu werden. Als bei Begiiln des Krieges einzelne Händler Wucherpreise für Lebensrnittel forderten, er­hob sich ein allgemeiner Entrüstungssturm, aber zu der geldsüchtigcn Ausbeutung unserer geistigen Erlebnisse auf schriftstellerischen und ähnlichen Gebieten schweigen die meisten.

Viele werden mir entgegnen, was gehen uns jetzt Schaufenster, Theater, Postkarten an! Gewiß, es gibt wichtigere Dinge zu tun. Aber um eins bitte ich: denkt einmal an unsere Verwundeten. Viele dürfen ausgehen oder haben freien Eintritt in die Theater, was müssen sie empfinden, wenn sie dann Possen und Schwänke (zeitgemäße") sehen, wie muß es ihnen, die von den Schlachtfeldern zurückgekehrt sind, sein, die gedankenlosen Witzbilder zu sehen, sich vor den Modeläden genau so viel Menschen, wie sonst drängen zu sehen? Dürfen wir uns wundern, wenn sie sich achselzuckend von uns wenden und sich fragen:wofür kämpften wir eigentlich?" Zch habe Verwundete vor solchen Bildern stehen sehen. Schamrot müssen wir werden, wenn wir bedenken, wieviel Gutes wir an Stelle dieser Machwerke bieten könnten. Stolz weisen wir mit Recht den Vorwarf,