Der Vortrupp
3. Jahrgang Nr. ^6. Dezember W4
Rätsel.
„Der du die Erde trägst, der auf der Erde du deinen Sitz haft, unbegreiflich Wesen, Gott: ich huldige dir anbetend, denn du führst geräuschlos wandelnd das Menschenschicksal zu gerechtem Ziel."
Aus verschollenem Kamxf und verwundenem Leid klingt dieses Wort in unseren Kamxf und unser Leid herüber. Euripides legt es der Königin Trojas nach dem Fall der Stadt in den Mund; aus dem äußersten Schmerz der wehrlosen, Besiegten ringt es sich zu jäher Gewißheit empor, kurz aufleuchtend und rasch verlöschend.
Wie oft hat die Erfahrung der Menschheit seitdem Sturm gelaufen gegen diesen Glauben an die im Verborgenen geräuschlos waltende Gerechtigkeit eines gütigen Gottes! Zu tief verborgen waren diese Güte und Gerechtigkeit, aber das Leid war da in tausendfacher Erfahrung, — sehr nahe, greifbar deutlich und unentrinnbar. So blieb oft nichts als der armselige Trost, daß auch der Schmerz im Tode endet, daß seine lebendige, brennende Gegenwart in der letzten Bewußtlosigkeit verlöschen muß. Oder aber es blieb ein großartiges Zusammenraffen aller seelischen Kräfte zu einem Heldentum, das nach Glück und Lebensgenuß nicht fragt, das aller Leiden spottet und alle Hoffnung verachtet, weil es aus eigener Macht zu dem unverlierbaren Glück der inneren Freiheit hindurchdrang, das aufgezwungene, knirschend getragene Leid durch den freien Entschluß, es tragen zu wollen, zu einer Tat höchsten sittlichen Adels steigernd.
Aber nur eine große Seele erreicht die Höhe dieser möglichen irdischen Vollendung, der schwache und kleine Mensch bleibt auf dem Wege zu diesem schroffen und unzugänglichen Gipfel, der in Kälte und Einsamkeit aufragt, verzagend und verzweifelt liegen. Es ist -ein Heldentum ohne Freude, das wohl das Leid des Lebens dahinten läßt, aber ohne eine Hoffnung an seine Stelle zu setzen. Es ist das Heldentum jAatos und der Stoa, ohne Furcht aber auch ohne Wunsch. Wir können es bewundern, aber der Trost, den es uns bieten will, bleibt im Wesenlosen.
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Das Leid ist um uns her und in uns, füllt unsere Welt und unsere Seele. Und doch ist in diese Welt einst Christus eingetreten, der
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