Der Vortrupp
3. Jahrgang
Nr. 23
Dezember
Vaterland und Heimat.
Durch die Geschichte aller Völker der Erde geht ein Zug ruheloser Wanderer, die in ewig ungestillter Sehnsucht nach einer Heimat suchen und sie — wie oft — erst finden, wenn die letzte Friedensstätte unter dem Rasen sie aufnimmt. Jedes Volk kennt sie als seine verschmähten Führer, als seine unverstandenen und verachteten Propheten, die es nicht eher erkannte, als bis es für sie zu spät war. Auf wie vielen Gräbern der Erde wird das Dpfer verspäteter Dankbarkeit dargebracht! Wie mancher, der ein Wohltäter seines ganzen Volkes hätte werden können, starb, an sich selber verzweifelnd, weil sich ihm kein Feld für sein Wirken bot.
Selten ist das unstete Leben des Wanderers frei gewählt wie das des großen Heimatlosen des Morgenlandes, der nicht hatte, wo er sein Haupt hinlege. Selten wird es zu einer «Duelle tiefster, leidgeborener Kraft. Dante, der in die Verbannung ging und seine Heimatstadt nicht wiedersah, schuf in der Bitterkeit und Not der Fremde seinem weiteren Vaterland ein Denkmal, das alle Zeiten überdauert. Ungezählte aber, voll von geistigem Leben, reich an Wollen und Wissen, gehen dahin als eine kurze Hoffnung ihres Volkes, wenn die Heimat sie von sich stieß, wie eine Flamme erlischt, die keine Nahrung findet.
Der Mensch muß in der Heimat wurzeln wie der Baum im Erdreich, sonst verkümmern seine edelsten Kräfte. Heimatlos zu sein, ist ein Fluch, dem nur die innerlich Starken zu trotzen vermögen, die fest in sich selber ruhend, sich in den äußerlichen Wechselfällen ihres gefährdeten Daseins dennoch nicht selber verlieren. Aber ihrer sind Wenige.
An dem Wege der Menschheit stehen die Mäler so vieler Edler, die keine Heimat hatten. Wir kennen ihre Namen. Wieviele Namenlose abseits gingen, um nach langer Irrfahrt fern vorn erstrebten Ziel für immer auszuruhen, wer will es sagen. Und auch heute noch fallen Tausende zur Rechten und zur Linken.
„Auf unsres Landes tausend Straßen geht Ein Heer, dem nirgendwo der Weiser steht, Heimdeutend von der wandrung ohne Rast."