Jahrgang 
1914
Seite
665
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Der Vortrupp

Z. Jahrgang Nr. 22 ^6. November WH

Gerechtigkeit.

Noch nie ist das lebende Geschlecht so stark und tief erschüttert worden, wie in der verhältnismäßig so kurzen Zeit seit Ausbruch des Krieges, was uns als so gewiß galt, daß wir unsere Lebensanschau­ung darauf aufbauten, ist uns unter den Händen zerbrochen, zermalmt von der unerbittlichen Gewalt der Tatsachen. Bildung und Kultur, wissen und Glauben sind uns zu zweifelhaften Größen geworden. Die bindende Macht des gemeinsamen Blutes, des gleichen Ursprungs hat sich als ein Wahn e.rwiesen. Es scheint, daß wir umlernen müssen, und das will uns hart ankommen, bitter und schmerzlich.

Die Besten unter uns glaubten, daß das Geistige, das Innerliche, kurz, das, was wir das Gute zu nennen pflegen, in allem irdischen Geschehen den endgültigen Sieg behielte, wie die Geschichte der Menschheit das zu beweisen schien. Sie glaubten, daß ein unauf­hörliches Fortschreiten zu schönerer Menschlichkeit, größerer Güte, tieferem wissen und reinerem wollen sich trotz aller Mühsal, trotz allen Schwankungen und Rückschlägen deutlich erkennbar durch die Jahr­hunderte vollzöge, bei allem widerstand im tiefsten Grunde unauf­haltsam.

Und nun? wenige Wochen haben diesen schönen Glauben, diese tapfere Zuversicht schwerer erschüttert, als all unser bisheriges wissen von den in der menschlichen Natur begriffenen bösen und lasterhaften Trieben.

Freilich, von unseren östlichen Nachbarn haben wir nicht viel Gutes erwartet, wir wußten, daß das Volk in Unwissenheit, Trunk­sucht und Armut hoffnungslos verkam, wir kannten die Käuflichkeit und Habgier, die Lasterhaftigkeit und sittliche Fäulnis der macht- habenden Kreise, derBeamtenschaft und des Offizierkorps, wir hatten auch eine ziemlich zutreffende Vorstellung von dem Lharakter des abergläubischen Zaren, nur hielten wir ihn für schwächer, und deshalb weniger schuldbeladen, als er es in Wirklichkeit ist. wir wußten nicht, daß die Mitschuld des Eigenwilligen und ewig Unbelehrbaren an all den politischen Greueln der letzten Jahrzehnte nachweisbar sehr groß war; wir glaubten am Anfang des Krieges noch die Mär, der arm­selige Schwächling wäre von der Kriegspartei sozusagen mit vorgehal-

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