Jahrgang 
1914
Seite
353
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Der Vortrupp

3. Jahrgang Nr. ^2 ^6. Juni WH

Hemmnisse der Reform unsrer höheren Lchulen.*)

i.

Die deutsche höhere Schule in ihrem Verhältnis zu den Anforderungen und Strömungen der Gegenwart.

Mollen wir uns das Meson und die treibenden Kräfte der Schulreform recht klar machen, so können wir nicht umhin, die Stellung der höheren Schule innerhalb unsrer in den letzten Jahr­zehnten stark veränderten Lebens- und Kulturverhältnisse zu be­trachten. Daß bei dem schnellen Wechsel die deutsche höhere Schule das heranwachsende Geschlecht zu selbsttätiger, neues Leben schaffender Kulturarbeit anleitete, war kaum zu erwarten, wenn sie aber mit der allerdings rastlos vorwärtsstürmenden Zeit Schritt zu behalten oft genug nicht einmal ernstlich versuchte, so war das ein entschiedenes Versäumnis. Unter den ungezählten Klagen, die infolgedessen laut wurden (und es scheint das Ende vorderhand unabsehbar), nehmen diejenigen einen besonders breiten Raum ein, die sich gegen den Schematismus, das Unpraktische und weltfremde in Lehrstoffen und Lehrmethoden richten.

Durch diese und ähnliche Beschwerden und Notrufe klingt, wie es scheint, mit zunehmender Stärke ein dumpfer Unterton hindurch: die alte Zeit ist hin, und mit ihr die vielen Gefühlswerte, die nun einmal einen wesentlichen Bestandteil jeglichen Menschenlebens aus­machen. Die neue Zeit aber hat uns vorerst mehr Staunen und Überraschen gebracht, mehr Auge, Ghr und Nerven in Be­wegung gesetzt, als Herz und Gemüt. Dem Einen kommt es öfter und deutlicher zum Bewußtsein als dem Andern, aber schließlich fühlen wir wohl alle, daß ein Leben ohne persönliche Wer­tungen kaum noch lebenswert erscheint, mögen auch noch so viele professorale Tiraden vonvoraussetzungsloser Forschung" undob­jektiver wissenschaftlichkeit" sich über uns ergossen haben, wir empfinden auch, daß diejenigen Wissenschaften und Lehrformen,

*) Es werden in diesem Aufsatz in erster Linie preußische Verhältnisse berücksichtigt, um so mehr, weil die preußische Schulreform für die übrigen deut­schen Bundcsstaaten vielfach richtunggebend gewesen ist.

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