Volume 
1914
Page
225
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Der Vortrupp

3. Jahrgang Nr. 8 ^6. April

Die Langsamkeit als Kulturgefahr.

Ein altes Sprichwort sagt, daß man mit dem Zudecken des Brunnens nicht warten solle, bis ein Kind hineingefallen sei. In vielen Kulturfragen sind wir jedoch dieser Gefahr zu langen Wartens ausgesetzt. Bei der vielfältigen Verzweigung des modernen Lebens, bei der ungeheuren Schnelligkeit der Entwicklung, bei der Macht namentlich, mit der die egoistischen Kräfte auf allen Gebieten (ins­besondere im Wirtschaftsleben) vorwärtsdrängen, bleiben die aus­gleichenden, unheilverhütenden Bestrebungen nicht selten an Schnel­ligkeit hinter den rücksichtslosen, nur auf den eigenen Vorteil be­dachten Mächten zurück. Wollen wir aber unsere Kultur gesund erhalten, so ist es zweifellos notwendig, Vorkehrungen dafür zu treffen, daß die Kräfte der Reform mindestens ebenso schnellfüßig sind wie die der Kulturzerstörung.

Heute ist dies zweifellos nicht der Fall. Ich führe ein sehr bezeichnendes Beispiel an, das vielleicht als besonders kraß er­scheint, dem aber gleichartige zur Seite gestellt werden könnten: die Wohnungsfrage. Seit Jahrzehnten wissen wir, daß die neuzeitliche großstädtische Entwicklung neben mancherlei anderen Schäden, die sie gleichzeitig mit ihren unleugbaren Vorteilen heraus­geführt, vor allem Wohnungsverhältnisse geschaffen hat, unter denen ein sehr großer Teil aller großstädtischen Bewohner leidet. Die Frage ist nicht, ob eben diese Menschen oder ihre Vorfahren auf dem Lande oder in Kleinstädten größere wohnräume zur Ver­fügung gehabt haben sondern, ob die ihnen jetzt zur Verfügung stehenden Wohnungen allen Anforderungen, die man vom gesund­heitlichen und ethischen Standpunkte an sie stellen muß, genügen. Allenthalben wird zugegeben, daß dies nicht der Fall ist. Seit drei Jahrzehnten sind darüber buchstäblich Tausende von Reden ge­halten und ganze Bibliotheken zusammengeschrieben worden. Nie­mand, der die Verhältnisse auch nur von fern kennt, kann daran zweifeln, daß hier eine soziale Frage vorliegt, an deren Besserung sich zwar bereits eine Unzahl von Reformbestrebungen versucht hat, für die bereits Millionen ausgegeben worden sind und die doch, trotz unleugbarer Fortschritte, keineswegs gelöst ist, vielmehr

1