Jahrgang 
1914
Seite
33
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Der Vortrupp

3. Jahrgang Nr. 2 ^6. Januar WH

Das Leben der Sprache.

Es ist nicht immer richtig, was die meisten glauben. Die meisten Menschen der römischen Kulturwelt hielten das kommende Christentum für eine Narrheit, die meisten Menschen des Mittel­alters hielten das Verbrennen der Ketzer und Hexen für recht und vernünftig, die meisten Menschen der Gegenwart hielten Zeppelin für einen Narren, als er das lenkbare Luftschiff erfinden wollte, wären die Förderer einer künstlichen Weltsprache deshalb auf dem falschen Wege, weil die meisten sie für Narren hielten?Sprachen können eben nicht ,gemacht^ werden, so wenig wie Homunculi in der Retorte. Denn sie sind lebendige Organismen."

Vom menschlichen Körper wissen wir, aus welchen Bestandteilen er besteht, wir kennen aber nicht das Geheimnis ihrer Zusammen­setzung. Kein Anatom kann die Seele finden, oder wie man das Lebensgeheimnis sonst nennen mag, denn wo das Seziermesser schneidet, ist die Seele nicht mehr. was soll man von dem be­fruchteten Ei sagen oder von dem Samenkorn der pflanzen! Kein Mikroskop, keine chemische Untersuchung lehrt erkennen, wie an die genau bekannten körperlichen Bestandteile die Fähigkeit gebunden ist, zu wachsen und das Lebewesen zu schaffen, das in den Keim­zellen vorgebildet ist nach den Eigentümlichkeiten seiner Ahnen.

Nun sprechen wir auch von lebenden und toten Sprachen, wir könnten genau so gut von lebenden und toten Maschinen sprechen, je nachdem sie gebraucht werden oder außer Dienst ge­stellt sind. Das Leben der Sprache liegt nicht in ihr, sondern in den Menschen, die sie sprechen. Nicht die Sprache entwickelt sich weiter, sondern die Menschen entwickeln sie, ändern sie durch den Gebrauch, wie sie Maschinen ändern, indem sie sie einfacher und zweckmäßiger machen. Die Lokomotive hatsich" von Stephenson bis auf unsere Tage recht bedeutend entwickelt, und wenn man Englisch mit Sanskrit vergleicht, so findet man Fortschritte in der Richtung der Vereinfachung, wie sie denen entsprechen, die zwischen Englisch und Esperanto bestehen.

Line tote Sprache unterscheidet sich ganz wesentlich von einem toten Menschen. Den kann keiner mehr lebendig machen; was von ihm geblieben ist, ist ein Leichnam, kein Mensch, und bald ist