Volume 
1913
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2. Jahrgang Nr. 2H ^6. Dezember

5eelenmord.

Es gibt ein schlimmes Lächeln, das schon viel Unheil angerichtet hat. das ein wenig spöttische, halb mitleidig duldsame, halb leise verächtliche Lächelnnüchterner Männer der Wirklichkeit" über Schwärmer und Träumer und Menschheitsbeglücker. So pflegt man ja meist den Unterschied zu fassen, höchst oberflächlicher- und ungerechterweise.

In unserem Zeitalter der Mechanisierung der Welt, das so leicht dazu verleitet, den Menschen auch wie eine Maschine zu betrachten oder gar als Material schlechthin, ich kann das WortArbeiter­material" überhaupt nicht hören, ohne mich innerlich dagegen zu empören fällt freilich ein Bestreben, dessen Gegenstand aus­schließlich die Seele des Menschen ist, gewaltig aus dem Rahmen. Und doch war eine wahre Seelsorge niemals so unumgänglich not­wendig wie jetzt. Und nie so schwierig, das erfährt jeder Geistliche, sofern er überhaupt ein Seelsorger ist, zumal wenn er unter denen tätig ist, die am stärksten von dem kreisender: Rad des mecha­nischen Weltgeschehens ergriffen sind, unter den Arbeitern der Großstädte.

Es ist eine oft von mir beobachtete, seltsame, aber höchst bezeich­nende Erscheinung, daß gewisse Kreise, Ingenieure, Techniker, Architekten beispielsweise und Angehörige ähnlicher Berufe, die an greifbare Ergebnisse ihrer Arbeit gewöhnt sind, sich die Kunst als solche schließlich noch gefallen lassen, vor dem bildenden Künstler noch Achtung haben, dem Musiker aber ihre Anerkennung als nütz­liches Glied der menschlichen Gesellschaft schlechthin versagen, was ist ihnen ein Sänger, ein Dirigent, ein Geiger oder Klavierspieler? Sie lassen ihn höchstens gelten als Mittel, ihnen einen Abend, ein paar müßige Stunden, angenehm zu vertreiben. Aber er schafft ja nichts Bleibendes, wohlverstanden, in ihrem Sinne. Daß der Musiker in höchstem Grade ein Diener der Seele ist, kann ihre Achtung vor ihm und seinem Beruf nicht erhöhen, ist doch die Seele selbst in Mißachtung geraten. Eine Brücke, eine Maschinenanlage, ein Ge­bäude läßt sich noch nach Jahrzehnten zeigen:Seht, das habe ich geschaffen", aber die seelischen werte, die die wohltätigste aller Künste durch ihre Priester schuf, der Trost, den sie gewährte, die

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