^ Jahrgang Nr. 22 ^6. November M 2
Ein „Deutscher Volksrat".
Der Gedanke und seine Vater.
Der Gedanke stammt, glaube ich, von Theodor Fritsch. Die große Öffentlichkeit — will sagen, die Menschen, die nur Tageszeitungen lesen — hat bis vor kurzem wenig von der Idee gehört; aber sehr viele von denen, die tätig mitschassen am Deutschtum unsrer Zeit, haben versucht, sie weiter zu entwickeln. So Gustav Simons, Wilhelm Schwaner und Kurt Breysig, vor allem auch Ferdinand Avenarius. Mehr als alle andern aber hat Heinrich Driesmans einen der Gegenstände seiner Lebensarbeit daraus gemacht. Driesmans*) ist es auch gewesen, der am
Oktober durch seinen Vortrag aus dem Kongreß für biologische Hygiene zu Hamburg**) die Sache zuerst vor eine ganz breite Öffentlichkeit gebracht hat.
„Deutsches Kulturxarlament" nannte man den Gegenstand dieses Gedankens bisher; jetzt in Hamburg hat Professor Paul Förster vorgeschlagen, anstelle dieses Fremdwortes ein deutsches Wort zu setzen: vom „Deutschen Volksrat" solle man in dieser Sache künftig sprechen. Und dabei mag es nun bleiben.
worum handelt sichs? Um einen Ausfluß der Erkenntnis, aus der auch unser Aufsatz „Wahl"***) gewachsen ist. Der Erkenntnis, daß unsre deutschen Parlamente, der Reichstag voran, so wie sie heute sind, für viele wichtigste Dinge im Volksleben versagen — versagen müssen; weil nämlich die deutschen Parlamente unsrer Zeit im wesentlichen nur noch eine — allerdings auch hervorragend bedeutungsvolle — Aufgabe erfüllen: eine Stätte zu bieten, wo die Interessen der verschiedenen Wirt- schafts gruppen unsres Volkes ihren Kampf ausfechten (wenn auch zu
*) Driesmans führt von namhaften Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich mit dem Unternehmen beschäftigt haben, besonders noch die folgenden an: Pros. Budde, Dr. Röse, Dernburg, Felisch, Goldberger, Heilfron, Pros. v. Liszt, Muthesius, Rathenau. D. verf.
**) Siehe „Vortrupp" Nr. 5, ^s, 20. — Der Urheber des Gedankens dieser Tagung war, wie wir bereits in jenen Nummern mitgeteilt haben, Herr Hugo Erdmann in Hamburg, Herausgeber der Halbmonatsschrift „Der allgemeine Beobachter". Der Kongreß hat seinen Vorstand zum dauernden werbeausschuß erklärt, der unter anderm besonders auch den hier behandelten Gedanken eines „Deutschen volksrates" fördern soll. D. Verf.
***) „Vortrupp" Nr. 2, Seite 32 ff.
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