Der Vortrupp
Jahrgang Nr. ^ ^ Oktober ^9^2
Törichte Jünglinge.
Ich weiß von einem englischen Prediger, der einmal auf der Ränzel sagte: „Gott will, daß die Jünglinge keusch und die Jungfrauen tapfer seien." Das war beileibe keine Verwechselung, sondern sein voller Ernst.
Tapfere Jungfrauen und keusche Jünglinge! wären sie es, — wären sie es alle, wieviel häßlichstes Elend verschwände von der Erde!
An den Prediger und seine Forderung mußte ich denken, als ich dieser Tage das folgende in der Zeitung las:
Ein Bonner Korpsstudent geht, nachdem er bei einer Sekt- kneiperei des Guten — nein, des Schlimmen! — zuviel getan hat, mit einer Straßendirne in deren Wohnung. Er verletzt das unglückliche Weib und noch eine andere, im gleicher: Hause wohnende Frau schwer durch Messerstiche, wird verhaftet, wieder auf freien Fuß gesetzt und endlich von der Kölner Strafkammer wegen erblicher Belastung freigesprochen, nachdem der Sachverständige festgestellt hat, daß die Mutter des Angeklagten an Migräne leide und auf Alkohol stark reagiere. Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse.
Beim Lesen dieser düsteren Geschichte drängten sich mir unzählige Fragen auf, und noch am wenigsten quälend schien mir die nach der Berechtigung dieses aufsehenerregenden Urteils und nach seiner Wirkung auf die arbeitenden Klassen. — Nebenbei gesagt, was für einen Ehrennamen geben wir diesen Klassen, wie beschämend wäre es, müßten die sogenannten „höheren" Klassen wirklich auf dies wahrhaft schmückende Beiwort verzichten! —
Viel schwerwiegender als die Frage nach der Berechtigung des freisprechenden Urteils ist meines Erachten? die nach der Möglichkeit der Tat.
was hinderte diesen Jüngling daran keusch und die ärmste Frau tapfer zu sein? Natürlich meine ich nicht, tapfer im Augenblick der jählings hereinbrechenden Gefahr, des Todesschreckens beim Anblick des gezückten Messers, aber tapfer, als der Lebenskampf für sie begann, als es sich für sie, — freilich vielleicht schon in