Jahrgang 
1912: 1912
Entstehung
Seite
513
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Der Vortrupp

s. Jahrgang Nr. p September

Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland.

Dritter Brief.*)

Berlin, am t6. August t9l2.

Ramerere Rugawa, Vater der Rinder!

Dies ist das dritte Mal, daß ich Dir schreibe, und Du wirst schon sagen: Lukanga soll doch heimkommen und soll uns erzählen, anstatt Boten zu senden mit dein beschriebenen Laxier, werde nicht un­geduldig! Romme ich bald, dann sah ich nicht viel, bleibe ich aber lange, dann kannst Du von mir erwarten, daß ich das Land der wasungu genau kenne und so vieles in mich aufgenommen habe, daß ich jahrelang erzählen und du jahrelang zuhören kannst.

was nun gerade das Handwerk des Schreibens angeht, so ist es rein unbegreiflich, daß mir in diesem Lande hier kein Sungu begegnet, der nicht schreiben gelernt hätte. Auch die Kinder der Bauern wissen mit Larbsaft und Federsxalt umzugehen und können die Zeichen anderer lesen. Und die, welche sie das Handwerk des Schreibens lehren, glauben, daß die Bauern dadurch längere Ähren ernten und mehr Vieh besitzen.

Es ist gewiß, daß einige wasungu vom Schreiben und Lesen Nutzen haben und sehr weise werden; manche im Volk aber verlieren auch durch dies Rönnen, und sehr viele ZUchenkundige werden um nichts besser, denn sieh, es gibt in diesem Lande zwar Gesetze, die jedem gebieten, Schreiben und Lesen zu lernen, es gibt aber kein Gesetz, das verbietet, Schlechtes zu schreiben, Schlechtes zu lesen. Und so wird viel Schlechtes über ein Volk, das schreiben kann, hin­geschrieben. Es kann kein Gesetz geben, das verbiete, Schlechtes zu schreiben. Denn wer will abmessen, wo die Grenze des Guten liege? Und gerade das Schlechte, das sich unter dem Schein des Guten

) vgl. die beiden ersten Briefe,Vortrupp" Nr. 9 u.

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