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1912: 1912
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Der Vortrupp

^ Jahrgang Nr. ^6 ^6. August ^9^

Ein Heldensang aus unsrer Zeit.

Ein gutgehendes Unternehmen.

Ob es wohl ein Theaterstück gibt, mit dem in anderthalb Jahr­zehnten eine runde Million Mark verdient worden ist? Jawohl, es gibt eines, oder genauer: es gibt ein Doppelstück, dem dieses be­neidenswerte Schicksal beschieden gewesen ist: ich meine dieVater­ländischen Festspiele" des Herrn Paul werning aus Berlin.

Seit mehr als ls5 Jahren,ist diese Dichtung in annähernd 600 deutschen Städten und Ortschaften ausgeführt worden; jedesmal etwa soist mal, sodaß bisher im ganzen über 6000 Aufführungen herausgekommen sind. Mehr noch: an jedem dieser Orte hat sich dabei einEhren- Ausschuß" für die Aufführung des Kunstwerkes gebildet. Darin saß gewöhnlich alles, was irgend etwas bedeutete. In Meldorf in Dith- marschen haben zum Beispiel dazu gehört: t Landrat, 2 Direktoren von höheren Lehranstalten, t Professor, 2 Amtsrichter, s Medizinalrat, 2 Bürgermeister, t probst und 2 Pastoren (letztere drei sind gleichzeitig Kreisschulinspektoren), dann weitere Würdenträger mit akademischer Bildung, hinter denen noch eine Reihe von Amtsvorstehern, Vorsitzenden von Vereinen, Innungen und dergleichen kamen. Anderswo waren die Ausschußmitglieder ebenso gewichtige Personen.

Und weiter: In Heller Begeisterung sind überall die Bürger, Bürge­rinnen und Bürgerskinder herzu geströmt, um mitzuwirken. Es handelt sich nämlich um Dilettanten-Aufführungen, und bei jeder einzelnen sind Hunderte von Mitwirkenden nötig. Die bringen aus Begeisterung für die vaterländische Sache die größten Opfer an Zeit für die Auffüh­rungen und für die proben; ja, sie zahlen sogar noch Geld darauf, denn wenn auch Herr werning die notwendigen Kostüme und Requi­siten aus seiner Berliner Niederlage in der Friedrichstraße herleiht, so haben doch die Darsteller die Fracht für die gelieferten Sachen zu zahlen, und auch die Textbücher kosten zwanzig Pfennig das Stück.

Alles, was mitwirkt, wird getrieben durch einen sehr edlen Beweg­grund: nicht nur durch die allgemeine Begeisterung für die große Sache, sondern besonders auch noch dadurch, daß ein Teil des Reinertrages jedesmal wohltätigen Zwecken zufließt. Die Innenseite des Umschlages eines mir vorliegenden Textbuches nennt zum BeispielUnterstützungs­und Sterbekassen", denVaterländischen Frauenverein",die Sanitäts­kolonnen", und teilt mit, daß weiter auch zur Errichtungpatriotischer

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