Der Vortrupp
^ Jahrgang Nr. ^3 Juli
Der Kampf ums eigene Heim und die Bodenreform.
Es ist in der frühen Morgenstunde. Die arbeitende Menschheit geht an ihr Tagewerk. Schon entströmt dichter ÜZualm den großen Fabrikschloten, hier und da ein langgedehntes gellendes pfeifen, und allerorten setzen sich die mächtigen Hebel der Dampfmaschinen in Bewegung, mit ihnen zugleich all die zahlreichen Arbeitsmaschinen, denen sie Kraft verleihen. Heben wir einmal einen Augenblick im Geist die Dächer aller Fabriken im deutschen Land ab und schauen hinein. Vor den Maschinen stehen Menschen, gleichgültig und müde, denn die Arbeitszeit ist lang und die Arbeit einförmig; ihre Bewegungen sind mechanisch, sie sind fast selber zu Maschinen geworden. In den Kontoren gleiten die Federn hastig über das Papier, klappern die Schreibmaschinen, zermartern Menschen ihr Gehirn nnd spannen ihre Nerven aufs äußerste an, um die Produktion immer leistungsfähiger zu gestalten, um immer mehr Sachgüter herzustellen. Wozu? wozu?
Draußen lacht die Sonne vom blauen, wolkenlosen Himmel herunter, ihre belebenden Strahlen durchdrängen das All, Licht und Wärme spendend. Freudig wenden sich alle Pflanzen der Lichtgöttin zu, sie dehnen sich und strecken sich, treiben ihre wurzeln ins Erdreich hinein und saugen in geheimnisvoller weise Stoffe auf, um unbewußt zwar, aber darum nicht minder tatkräftig, ihre Eigenart zu gestalten und zu entfalten. Behend bewegen sich die Tiere in Wald und Feld, springend, fliegend, schleichend; sie wissen ihren Daseinszweck, er heißt Freude, Bewegung, Leben. Nur der Mensch, die „Krone der Schöpfung", verbirgt sich in dumpfen Gemäuern. Er hat die Fühlung mit der heimatlicher: Mutter Erde verloren, das ist sein Verhängnis. —
Und dann kommt der Feierabend, alles zieht heimwärts. Aber ist das wirklich ein „Heim" zu nennen, in dem drei Viertel unseres Volkes wohnen? Sicher würden wir uns gegen den empören, der es wagte, mit dem Ansinnen an uns heranzutreten, wir sollten alle gleichmäßig graue Sträflingskleider tragen. Aber das „erweiterte Kleid" des Menschen, die Wohnung, ist zum Zuchthäuslergewand geworden: die Mietskaserne hat ihren Siegeszug in der deutschen Groß- und Mittelstadt längst vollendet! Der Ausdruck Zuchthäuslergewand für dieses Gebilde der Neuzeit ist eigentlich zu schwach; sie gleicht vielmehr der
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