Volume 
1912: 1912
Place and Date of Creation
Page
321
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Der Vortrupp

Jahrgang Nr. U Juni W2

Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland.

Zweiter Brief.*)

Birkhain, den 20 . Mai t9^2.

Leuchtender Kigeri!

Ich bin an einem Matze, der einsam ist. Hügel mit Büschen umgeben mich. Ein See liegt zwischen hohen Bäumen, im Schilf seiner Ufer schwimmen Enten. Im flachen Wasser stehen Kraniche, und hoch in der Luft fliegen zwei Störche, die jetzt gerade aus Kitara herübergekommen sind, wo sie die Zeit zubrachten, in der es hier bitter kalt ist und Schnee und Eis mannshoch auf dem Lande liegen, wie du es kennst von dem Gipfel des Karissimbi. Das wilde Ge­triebe der Städte dringt nicht hierher, und ich könnte mir denken, ich sei in Kitara, am Ufer des Ruhiga, an den weiten Buchten des Urigi, wo der Schrei der Kronenkraniche weithin ertönt, wenn sie mit langsamem Flügelschlage über die reifen Kornfelder dahin­fliegen. Es ist derselbe Schrei, den ich hier höre. Der Vogel aber sieht anders aus: ihm fehlt die buschige Krone, fehlt die weiße Brust. Bronzerot schimmert dennoch sein Hinterhaupt. Hierher bin ich gegangen, weil ich wirr wurde im Kopfe über das Neue und wider­sprechende, was ich in diesem fremden Lande sah, und weil ich Ruhe haben wollte vor dem Lärm.

Strahlender Fürst! wenn ich unter den taufenden engbekleideter Wasungu**) einherging oder nachts aus Träumen erwachte, dann war mir oft, als hätte ich Mmbe getrunken, (wie einst als mir Ibrahimu noch nichts von seiner Lehre gesagt hatte, die den Rausch eines Menschen für unwürdig hält.)

Über diesem Lande liegt etwas, wie ein großer Trug. Man sagt in Kitara: wo zwischen den Bergen Rauch aufsteigt, da sei eines

*) vgl. die Einleitung zum ersten Brief,Vortrupp" Nr. 9 , S. 257.

**) wosungu -- Europäer.