Der Vortrupp
1. Jahrgang Nr. 8 ^6. April M2
Llternpflicht.
Das Glockenzeichen, das durch alle Räume der großen Schule hallte, hat soeben das Ende der Stunde verkündet; der Lehrer hat die Klasse verlassen, die Jugend drängt durch die Tür auf den Korridor hinaus. P>aul fertig gibt Franz Pornhagen einen wink; der bleibt mit ihm zurück, und, nachdem sie sich vorsichtig überzeugt haben, daß sie allein sind, gehen die Knaben mit leisen Schritten an den Klassen- schrank. Franz P>ornhagen nimmt eine Bibel heraus, und beide verschwinden dann in dem kleinen dreieckiger: Raum, den die nun weit geöffnete Tür des Klassenschrankes von der Zimmerecke abschneidet, „wo steht die Stelle nur noch?", fragt P>aul erregt und gierig den erfahreneren Franz. „Gleich, gleich", beruhigt der etwas überlegen. „So, hier haben wir es schon: „Die Offenbarung Sankt Iohannis. — So, und nun hier das siebzehnte Kapitel". Und während unten vom Schulhof fröhliches Lärmen und gesundes Lachen gedämpft Heraufschallen, lesen die beiden flüsternd und erregt mit glänzenden Augen und wonnigem Gruseln die Geschichte von der großen babylonischen Hure.
Ein häßliches Bild. Jeder, der das Schülerleben — aller Anstalten und beider Geschlechter — kennt, weiß, daß sich dieses Bild in jedem Jahre vieltausendfach wiederholt, so oder etwas anders, weiß, daß gerade die Herabwürdigung der Bibel zum Lust- und Irrgarten unsicher tappender geschlechtlicher Phantasie junger Knaben und Mädchen etwas ungemein Häufiges ist. weiß aber auch, daß die Sache noch verhältnismäßig harmlos ist, wenn es beim Lesen bleibt, und wenn sich die Heimlichkeit hinter dem Klassenschrank nicht an noch versteckteren Orten gröber und schädlicher fortsetzt.
Es ist so. Immer und immer wieder kommt es dazu, daß das Kind, das von den Dingen der Geschlechter nichts Klares weiß, sich mit der suchenden Gier dessen, der um jeden p>reis wissend werden will, an das wissen des etwas erfahreneren Kindes ansaugt — um dann, wie es ja so nicht anders sein kann, statt edler Erkenntnis