Der Vortrupp
Jahrgang Nr. ^ Januar ^^2
„Realpolitik."
Es gibt Worte, die Waffen find. Wer sie ausspricht oder drucken läßt, der kann, wenn er die richtigen Hörer oder Leser vor sich hat, sicher sein, daß er damit wirkt. Denen gegenüber kann er damit arbeiten wie ein Hypnotiseur. Denn für diese Hörer oder für diese Leser drücken die Worte einen Gedanken oder einen Willen aus, dessen Kraft in ihren Kreisen so anerkannt ist, daß jeder von vornherein weiß: sich widersetzen heißt gegen erdrückende Mehrheit fechten, wenige aber lieben es, niedergelacht oder niedergeschrieen zu werden; so fügt man sich.
Solche Worte sind: „Das Nimmersatte Agrariertum", ausgesprochen im Tiergartenviertel von Berlin; „der Giftbaum der Börse", aufschießend in einem Leitartikel der „Deutschen Tageszeitung"; „der Moloch des Militarismus", aufgebaut vor einer Gemeinde von Sozialdemokraten; und wiederum „die vaterlandslose Sozial- demokratie", vorgeführt in einer Wahlversammlung der Konservativen oder Nationalliberalen. Ebenso sicher wirkt das Wort „Kur- pfuschertum" als Bezeichnung der Naturheilkunde in einem Kreis rechtgläubiger Arzte, während wieder jeder, der die Wissenschaft dieser Arzte als „Giftmedizin" bezeichnet, des Beifalls vieler Naturheilkundiger ohne weiteres sicher sein kann.
Das sind sechs Beispiele von Worten als Trutzwaffen, von Worten, womit man andern zu Leibe gehn kann. Es gibt aber auch Schutzwaffen dieser Art, Worte, die kugelsichere Schutzschilde sind. Eines davon ist das Wort „Realpolitik". Das heißt, s o ist das Wort unvollständig, es muß vielmehr heißen: „Gesunde Realpolitik". Denn „Realpolitik" ist immer „gesund" und begibt sich deshalb nie ohne dieses Schmuckwort in die Öffentlichkeit.
Die Macht des Wortes „Realpolitik" ist groß. Ich sagte, es sei ein kugelsicherer Schutzschild. Ja, aber ein Schutzschild, den man auch losmachen und auf die Köpfe seiner Gegner niederschmettern kann, daß ganze Reihen davon liegen bleiben. Als Schutzwaffe wie