Jahrgang 
1913
Seite
513
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Der Vortrupp

2. Jahrgang Nr. N I. September W3

Glück.

Ich kenne einen Menschen, der auf den: Krankenbette, unter Schmerzen und Sorgen, das Glück fand. Und es sah so einfach aus, so ganz über Erwarten alltäglich. Mit Erstaunen begriff er, daß das Glück kein seltener Gast sein will für auserwählte Feiertage des Lebens, sondern der tägliche Begleiter durch arbeitsreiche, selbst durch schmerzensreiche Wochen und Monde, daß es völlig unabhängig ist von äußerlichem Geschehen und bedingt nur durch den Zustand der Seele eines Menschen, da es nichts anderes ist als eine seelische Fähigkeit zur Freude. Da wurde der Kranke sehr nachdenklich und von Dank erfüllt, und zugleich regte sich der Wunsch in ihm, auch anderen mitzuteilen, was er für sich erworben hatte.

' Es gibt von Tausenden geteilte Irrtümer, die jedes Glück von vornherein ausschließen, wer hört auf die ewig wiederholte Binsen­wahrheit, daß Reichtum nicht glücklich macht? Man spricht sie nach, aber im tiefsten Herzen hält man doch Geld und Gut für eine Vor­bedingung alles irdischen Glücks. Und so strebt man danach, und in diesem Ringen und Streben verliert man nur allzuoft grade die Emp­fänglichkeit der Seele, verliert die Spanne Zeit, die einem gegeben ward, und hat schließlich über dem weg das Ziel vergessen. Gder man glaubt sich am Ziel, hat die ersehnten Reichtümer eingesammelt, sitzt in einem schönen Hause vor jeder Unbill des Wetters geborgen und merkt garnicht, daß das Herz in der Brust erfroren ist, steht auf von brechenden Tischen und trägt eine verschmachtete Seele mit hinweg.

Aber wer reich ist, kann helfen, und wenn Geber: seliger als Nehmen ist, so muß also doch der Reichtum zu einer (Duelle reinen Glückes werden können! Gewiß kann er das, aber auch da birgt er eine in seinem Weser: begründete Gefahr. Er macht das Helfen scheinbar zu leicht. Man greift gedankenlos in die Tasche und gibt. Man spürt es garnicht, bringt kein Gxfer, hat keinen Segen davon und der Beschenkte auch nicht, wie oft wird solch übereilte, leichtfertige Hilfe zum Fluch! Der lästige Arbeitsscheue, dem man, um ihn los­zuwerden, ein Geldstück hinwirft, hat wahrhaftig keine wohltat emp­fangen.