Volume 
1913
Page
289
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Der Vortrupp

2. Jahrgang Nr. ^0 ^6. Mai M3

Volkshygiene und Schulreform, m.

Wenn ich höre oder lese, daß die meisten Menschen heute im Zeitalter des Maschinen- oder Großbetriebes bei ihrer Arbeit inner­lich verkümmern, da sie nichts Ganzes mehr schaffen können, sondern im ewigen Einerlei nur noch Teile, oft winzig kleine Teilchen vom Ganzen schaffen und oft auch nicht sehen, wie die geschaffenen Teile zum Ganzen gefügt werden, dann steigt ein Bild vor mir auf, das sich mir unauslöschlich eingeprägt hat: Ich besichtigte nach glücklich verlebter Jugend auf dem Lande zum erstenmal in einer Großstadt eine Fabrik. Eine Bürstenfabrik wars. Nachdem sich das Dhr einigermaßen an das Surren, Sausen und Klappern der Maschinen gewöhnt hatte, stand ich lange bei einem Arbeiter und sah zu, wie er mit schnellem Griff ein zurechtgeschnittenes und -gehobeltes Stück Buchenholz erfaßte und es unter den ewig kreisen­den Bohrer hielt, der nun in rasender Gefräßigkeit ein Loch neben das andere in das Holz machte. Dann flog das Stück zur Seite, um von einer andern Maschine weiter bearbeitet zu werden, und ein neues mußte heran. Da legte sich mir plötzlich die Frage schwer aufs Herz: wenn deine wiege nun in der Arbeiterhütte gestanden hätte statt im Bauernhaus, und du wärst vom Schicksal verurteilt, diese gefühllose Maschine zu bedienen, immer denselben Handgriff zu tun, io Stunden am Tag, die ganze Woche, das Jahr, 10 Jahre. Da wandte ich mich rasch zum Gehen. Damals ging mir ein Verständnis auf für die traurige Tatsache, daß unsere glänzende Zeit viele Menschen zu Sklaven der Maschine gemacht hat, zu Teilmenschen, die immer nur ein Stückchen ihres Ich bei der Arbeit in Tätigkeit treten lassen können und denen darum auch die rechte Arbeitsfreude fehlen muß.

Nun hätte man denken sollen, daß die Schule diese traurige Tatsache begriffen hätte, denn sie wollte doch für das Leben vor­bereiten. Also hätte sie doch auch dieses Leben studieren müssen. Und sie hätte sich sagen müssen, vor 20 , 30 Jahren schon: weil die Menschen bei der weitgehenden Arbeitsteilung verkümmern, wollen wir wenigstens darauf achten, daß in der Schule keine kind-