Volume 
1913
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er Vortrupp

2. Jahrgang Nr. 7 April W3

Tugend - Tüchtigkeit.

Jede Zeit hat ihre Ideale, die in genauem Zusammenhang mit den Zeitanschauungen und -Strömungen, mit der jeweiligen Welt- und Lebensauffassung stehen. Die Ideale wandeln sich wie diese, langsam und unmerklich, aber stetig. Darum sind die Ideale von heute und gestern morgen veraltet und kraftlos, und die Zeit legt sie ab, wie man altgetragene Kleider ablegt.

Die Ideale sind nicht gleich den Grundstrebungen, die die Ent­wicklung und den p>ulsschlag des Lebens bestimmen; sie zeigen nur die Punkte, an denen sich die Kräfte der Zeit sammeln und nach Verwirklichung drängen. Aber die Ideale liegen wie ein leuchtendes Morgenrot über den Dingen, über den kommenden Geschehnissen: sie gehen nicht in die Wirklichkeit ein, sie verklären sie nur und weisen den in dunklen Tiefen drängenden Kräften den Weg. Aber mit ihrer Unwirklichkeit hängt auch zusammen die Unbestimmtheit und das Angreifbare, das beständige Fließen und sich Entfalten ihres Wesens. Sie sind nicht für jedermann.

Ja, nicht nur werden sie nicht begriffen: sie werden von Vielen, von der großen Mehrzahl des Volkes kaum geahnt. Die Masse ist sich immer nur klar über ihreBedürfnisse", darüber hinaus geht ihr Verständnis nicht, vermag ihre Sehnsucht nicht zu fliegen. Das allgemeine Verständnis für die Ideale der Zeit muß in der Masse immer erst geweckt werden: die hellsichtigen und feinhörigen Geister erhorchen, erfühlen und erschauen das geheime Drängen der Volksseele, gleichsam den Genius der Zeit, der aus den Ur- tiefen der Rasse aufsteigt: sie geben der drängenden Sehnsucht Form und Worte.

Und ganz allmählich macht sich ein Niederschlag dieser geistigen Formungsvorgänge im Leben und in der Sprache bemerkbar. Die Sprache folgt immer im gewissen Abstände der Kulturentwicklung und der bestimmten Ausprägung der Lebensformen, die Sprache nicht nur als künstlerische Darstellung im literarischen Sinne, als angewandte Wortkunst, sondern vor allem auch im Sprachschatz schlechthin. Die Sprache hält gewissermaßen fest, was die Zeit bewegte. Der Geist schafft sich Formen im gesprochenen und ge-