Der Vortrupp
2. Jahrgang Nr. 6 ^6. März
Friedrich Hebbel.
Geb. am ^8. März ^8^5.
Ein Volk, das seine großen Männer ehrt, ehrt sich selbst. Es beweist damit, daß es den Geist noch in sich fühlt, durch den jene aus dem Reichtum ihrer Seele dem Leben für ferne Geschlechter neue Werke geschenkt haben. Solche Ehrung besteht nur zum Teil in festlichen Veranstaltungen, wichtiger ist es, daß ihres Wesens Hauch uns berührt und in uns neue Gestalt gewinnt, wir können in Hebbel den großen deutschen Dichter bewundern, und doch des Besten, was er uns gegeben hat, verlustig gehen, wenn wir nicht empfinden, daß in ihm, nach seinen eigenen Worten, „gottlob der Mensch noch mehr war als der Künstler". Denn dichten war für ihn: zur Klarheit über sich selbst kommen, nicht etwa nur, indem er seine eigene Sehnsucht gestaltete, sondern um mit sich selbst „innerlich etwas abzumachen" und „mit jeder Produktion eine Lebensstufe abzutun, um dann eine höhere zu erklimmen". Darin liegt seine Bedeutung für uns. Leben war ihm bewußte, ständig fortschreitende Entwicklung aller in ihm liegenden Anlagen, war ihm Entwicklung seiner Kraft. Das war sein Ziel und nicht ein sogenanntes Glück. Denn im Glück sucht der Mensch sein Behagen, aber in der Kraft die Entfaltung seines Wesens. Darum sagt er: „K r a f t i st E r s a tz für Glü ck".
Das ist nicht nur ein stolzes und starkes Wort, von ihm zur eigenen Ermunterung geprägt. Es ist für ihn der Sinn des Lebens und entschleiert uns das Geheimnis seiner siegenden Kraft. — wir wissen von seiner freudlosen Jugend und der furchtbaren materiellen Not, die ihn überallhin begleitete. Das Bewundernswerte aber ist, daß er daraus nicht eine Anklage gegen Menschen und Schicksal und somit eine Hemmung der eigenen Entwicklung machte, sondern daß sein Wille zu sich selbst alle Hindernisse überwand. Nicht gleich und wie selbstverständlich, weil leicht schaffende Begabung oder ein weltentrückter Blick die Not der Erde überflog. Er hat tief gelitten und schwer getragen an ihr, vor allem an dem Mangel einer nie wahrhaft genossenen Jugend. Denn die Armut, hören wir von ihm, hatte bei seinem Vater „die Stelle seiner Seele eingenommen".