Der Vortrupp
2. Jahrgang Nr. H ^6. Februar
Vorbildliche ^xrachverhunzung.
Seit Jahren sind weite Kreise unsres Volkes unterwegs nach dem gelobten Lande deutscher Sxrachreinheit und Sxrachschönheit. Man möchte wohl glauben, unsere Hochschullehrer, die sich mit deutscher Sprache und Literatur von Berufs wegen befassen, stellten in ihrer Gesamtheit den Vortrupp zu diesem Volksheer. Ist das wirklich der Lall?
Nein! Leider nein! Statt die Wege zu den lichten Höhen deutschsprachlicher Ausdrucksweise zu ebnen, liebt ein großer Teil von ihnen den Aufenthalt in den dunstigen Niederungen barbarischer Sprach- und Stilverwüstung.
Es soll damit sicher nicht behauptet werden, jene Gruppe deutscher Hochschullehrer, genannt Germanisten, sündigten allein gegen die einfachsten Anforderungen an einen lesbaren Stil. Ihre Sprach- und Stilsünden müssen wir vielmehr zum Teil auf Rechnung des allgemeinen Gelehrtendeutschs setzen. Zum Teil! Aber, sagt Eduard Engel, es gibt keine schreiendere Stillosigkeit, keine unwahrhaftigere Doppelzüngigkeit der Seele, als daß Männer ihr Leben an die Erforschung einer Sprache und der Literaturwerke in dieser Sprache setzen, von der sie durch ihr Tun bekunden, sie sei zum Ausdruck der Urbegriffe der Menschheit, geschweige der Kunst unfähig*).
Man könnte einwenden, die Germanisten hätten zwar die Verpflichtung, auf Reinhaltung der deutschen Sprache zu achten, aber die geschichtliche Entwicklung ihrer Wissenschaft, die sich vorzugsweise mit Textkritik, Grammatik und Literaturgeschichte befaßt, haben diese Gelehrten sich ihrer Pflicht nie bewußt werden lassen. Wer solche Entschuldigung für ausreichend hält, bedenkt nicht, daß sich aus der geschichtlichen Entwicklung des Deutschtums (in der verschiedensten Hinsicht) wohl manche Eigenbrödelei verstehen, aber heutzutage nicht mehr rechtfertigen läßt. wer sich mit obigen Gründen zufrieden gibt, übersieht auch, daß man immer lauter nach einem „würdigen" Deutschunterricht an den höheren Schulen ruft. Als ob sich dieser mit Lehrplänen und Verordnungen aus dem Boden stampfen ließe! Als ob das Deutsch, wie es die künftigen Oberlehrer des Deutschen in ihren bildungsfähigsten Jahren von unsern Germanisten täglich zu hören und zu lesen bekommen, beim Eintritt ins Schuldasein sicher und schnell zu beseitigen
*) Deutsche Stilkunst von Eduard Engel, Wien und Leipzig (S. 2^0.)
Diesem ausgezeichneten Werke ist ein Teil der weiter unten angeführten Beispiele mit Erlaubnis des Verfassers entnommen.
1