Der Vortrupp
2. Jahrgang Nr. 3 Februar
Jahrhundertwandel.
Geschrieben in der Neujahrsnacht ^9^2/^Z.
Es ist dunkle Nacht, wenn der große Zeiger noch einmal das Zifferblatt umwandelt hat, ist das Jahr ^9^2 hinunter auf Nimmer- wiederkehr. Ich bin allein. Draußen höhnt der Sturm und grollt das Meer. Zch horche hin, aber meine Gedanken sind weit fort.
Meine Gedanken sind bei einem ernsten, tiefbewegten Manne, einem Feldgeistlichen der Zahre ^ 6^3 und der vor hundert
Zähren zur gleichen Stunde auch so allein saß— und mit zitterndem Kerzen, was in seinen Ohren klang und die Fenster seines Zimmers erklirren ließ, war aber nicht Sturm und Flut, es war der Donner der Geschütze, die wittenberg ängstigten, was ihm das Herz erbeben machte, war neben dem Gedarrten an den Zammer, der auch in dieser Schicksalsstunde so viele kraftvolle Männer mit Vernichtung und Todesqual, so viele vereinsamte Mütter, Witwen und Waisen mit langer Not traf, der durch die gegenwärtigen Schrecken doch nicht erstickte Zubel des Mannes, der sein Volk, das kleine, zertretene, aus seiner Ohnmacht aufstehen sieht.
Er saß und schrieb an seine Lieben daheim:
„Wohl dem, der das Erwachen eines edlen Volkes erlebte und die Dpfer, die unglaublichen, die unzähligen, welche es mit Glauben und Liebe brachte! Unsere Nachkommen werden die einfachsten Erzählungen für erdichtet halten, es nicht glauben, was ein armes Volk gegeben hat, den Enthusiasmus nicht begreifen, . . . mit dem sich ein kraftvolles Volk um den geliebten Rönig sammelte, um mit ihm zu sterben oder zu siegen! . . . was noch herrlicher und segensreicher ist, ist, daß die Geister aufgewacht sind, daß sich die Deutschen in Glaube und Liebe vereinten und dadurch das Vaterland retteten."
Zch denke an den einsamen, von der Größe der Stunde ahnungsvoll erschütterten Mann, und auch mir bebt das -Herz im Leibe, warum ist es nicht ruhig? Es maß doch mit gelassenem Schlag so manche letzte Zahresstunde aus!
Meine Gedanken wandern aus der Vergangenheit zu Gegenwart und Zukunft, und was mich ergreift, ist ein tiefes Bangen, — Angst um die Zukunft des Volkes, das vor ^oo Zähren und in näherer Vergangenheit, zu höchsten Opfern bereit, Höchstes errang.