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Die Herero : ein Beitrag zur Landes-, Volks- und Missionskunde / von J. Irle
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7. Sterbebett, O!ocl uncl Grab.

Furcht des Todes erfüllt den Herero sein Leben lang. Da er sich be­ständig von feindlichen Mächten, Gespenstern und bösen Menschen verfolgt glaubt, so ist schon sein Leben ein trostloses, noch vielmehr aber sein Sterben. Geht es mit einem kranken Familienvater zum Ende, so läßt er seine Kinder an sein Lager kommen, um sie zu segnen. Er nimmt sein Lieblingskind, owuillAOlin, zwischen seine Knie, legt ihm die Hände auf und wünscht ihm Segen, Glück, Viehreichtum und Größe. Dies nennen sie ssr'orickuju ombun, guten Segen, im Gegensatz zu oiiäaju ombi, böser Segen, d. h. Fluch, der die Umstehenden mit Grauen und Entsetzen erfüllt. Einem hiermitGesegneten" bringt dieser nicht allein Schrecken, sondern in den meisten Fällen auch Krank­heit und Tod. Er wird unter dem beständigen Gefühl, verflucht zu sein,

krank, magert ab und siecht schließlich dahin. Von der Wirkung eines solchen Fluches sind die Herero fest überzeugt. Um ihm zu entgehen, kamen manche Leute zur Missionsstation, indem sie ebenso überzeugt waren, daß Gottes Wort ihn aufhalte.

Der sterbende Heide legt sich darauf ruhig auf seinem harten Sterbe­kissen auf eine Seite und sagt:Vuts, ms kokn noiifljo, inckkö!Vater, ich sterbe, ich habe keine Schuld, gewiß nicht!" Die Umstehenden antworten: uu tu uu.su, uu MückM'u," er ist gestorben, gegangen, verloren! Dann

stirbt er ruhig ohne Todesangst, wie ein Christ nur sterben kann. Aus diesem

Bewußtsein der Schuldfreiheit ist auch wohl das Sprichwort entstanden: Ouckiro kui uomuiiii, der Tod hat keinen Herrn, den man bezahlen muß. Die Anverwandten und Freunde sitzen, so viele ihrer nur ins Sterbehaus

hineingehen, um den Sterbenden herum. Man hat ihm ein Fell übers Gesicht gelegt, und einer lüftet dieses von Zeit zu Zeit, um zu sehen, ob er schon tot ist; keiner aber denkt daran, ihm einen Trunk Wasser für den Durst zu reichen. Mit stummer Teilnahme und Schmerz sitzen sie da, bis sich dieser endlich in Weinen und Heulen auflöst, ein oft Mark und Bein durchdringendes Geheul (onckoro), das die ganze Nacht anhält. Dazu kommen dann noch die Klage­weiber, die morgens und abends ihre Totenklage anstimmen. Wer das einmal mit angehört hat, vergißt es nie wieder. Die Totenklage (omutuiiäu) wieder­holt sich drei Wochen lang jeden Morgen und Abend beim Aus- und Ein­treiben des Viehes; dabei besingen sie im Wechselgesang des Tolen Güte und Taten. Oft geschieht es, daß Hinterbliebene Frauen und Kinder sich in ihrem tiefen Schmerz dabei das Leben nehmen. Die Totenklage bei dem Tode des Wilhelm Maharero im Jahre 1880, des ältesten Sohnes des Oberhäupt­lings Maharero, also gleichsam des damaligen Kronprinzen, welcher der Liebling des ganzen Volkes war, übertraf alles, was ich bis dahin von solcher gehört hatte. In der Pestzeit 1898 hörte man weder von Heiden noch von Christen Weinen oder Totenklage, noch sah ich Tränen, das war furchtbar mitzuerleben.