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Die Herero : ein Beitrag zur Landes-, Volks- und Missionskunde / von J. Irle
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Bösen; ja in ihren eigenen Augen sind sie noch früher erwachsen, als wie sie es in Wirklichkeit sind. Nicht selten hört man aus dem Munde eines zehn­jährigen Knaben, der sich verletzt glaubt:Bin ich denn ein Kind (omimbjs)? ich bin ja ein »murumenän (ein Mann)! Oder: Bin ich denn ein omutuu (Knecht)? daß ich nicht mehr tun kann, wie ich's gewöhnt bin?"

S. Die Geschneicjung.

Der Knabe wird znm Jüngling durch die Beschneidung, welche in einem Alter von sieben bis zehn Jahren an ihm vollzogen wird. Anch bei dieser Handlung werden, wie bei der Zwillingsgeburt, eine Unmenge von Zeremonien beobachtet. Meistens und am liebsten vollzieht man sie in der Zeit großer Ereignisse, also kurz vor einem Kriege, bei Friedensschluß oder beim Tode eines berühmten Mannes. Sie dauert mehrere Tage und kostet durch große und oft wüste Festgelage, die dabei gehalten werden, der Werft des Häupt­lings viel Vieh. Der Ort, an dem die Beschneidung vollzogen werden soll, wird zuvor durch das Los (omdstsro) von den Stammesahnen erfragt und heißt objivstsi'o. Er liegt gewöhnlich im Felde. Die Beschneidung selbst wird meistens nicht mit einem Messer, sondern mit einem scharfen Quarzstein vollzogen; wird in Ermangelung eines solchen doch ein altes Eisen oder Messer gebraucht, so wird dieses gleich nachher im Felde vergraben. Die Beschneidung heißt: 8utznrstza, omumitzs.i-stzsi'o. Ein Beschnittener ist ein 8utzg.ru, ein erst eben Beschnittener hat den Namen: omu8utzg rums, von omu8utzo - Jungfrau und rums - männlich, also männliche Jungfrau; ein Unbeschnittener heißt omuvsug. Diejenigen, welche zu gleicher Zeit beschnitten wurden, werden nach dem Ereignis des Jahres ihrer Beschneidung genannt und zählen ihre Jahre von diesem oljiomlo (Epoche) an. (Siehe oviouäo, Hererojahre.) Sind z. B. die Knaben im Jahre des Friedensschlusses be­schnitten worden, so heißen sie alle ovotjotzunAS - die der Friedensperiode; denn das Jahr heißt das Jahr des Friedens (oljolmugs). Die gleichzeitig Beschnittenen gelten als Altersgenossen (omgtzuru) und reden sich auch so an: stzura rumljs, mein Altersgenosse. Die Bedeutung dieses stzuru erklärt sich aus der Zusammensetzung des Wortes us tzuru - erwachsen.

Wie vollzieht sich nun der ganze Hergang? Hat der Häuptling selber einen Sohn zu beschneiden, so läßt er aus seinem ganzen (Mannes)-Stamm alle zu beschneidenden Knaben in seine Werft holen. Die Eltern, von denen sie begleitet werden, müssen meistens eine Menge Opferochsen mitbringen; nur die Armen geben nach ihrem Vermögen. Alle aber müssen zur Oruzö des Häuptlings gehören. Wollen andere, die nicht hinein gehören- ihre Knaben mit beschneiden lassen, so muß das an einem andern Beschncidungsplatz ge­schehen. Ist alles beisammen, der Häuptling am heiligen Altar und die Opfcrtiere im heiligen Kraal, dann geht die Feier los. Tanzende und singende