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Die Herero : ein Beitrag zur Landes-, Volks- und Missionskunde / von J. Irle
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Doch eins bedarf der Erläuterung noch. Es wurde schon auf das Gewissen der Herero gedeutet; wie weit darf von einem solchen bei ihnen geredet werden? Da tritt uns eine höchst bemerkenswerte Erscheinung ent­gegen. Das Gewissen, insofern darin die Stimme des wahren, lebendigen Gottes vernommen oder geahnt wird, ist bei ihnen verstummt. Auch die Sprache hat kein Wort dafür. Wohl weiß auch der Herero vgl. später von dem einen höchsten Gott, dem Karunga Ndjambi in seiner Sprache, aber kein Bewußtsein noch Furcht hat er, daß dieser ihn wegen Hurerei, Dieberei und dergleichen strafen werde. Und doch gibt es etwas wie ein Gewissen bei ihm. Es ist ein Gewissen, ein Schuld-, ein Strafbewußtsein seinen ovnstnrn, seinen Ahnen gegenüber. Von ihnen fürchtet er Strafe, wenn er etwas in betreff der Herden, der Opfer, der Speisegesetze versäumt. Und sein Gewissen ihnen gegenüber hält ihn hier und da auch von anderem Bösen zurück. So verkümmert und verbildet uns solch eine Art von Gewissen erscheinen will was ist bei den Heiden nicht verkümmert und ver­bildet?, es bietet doch den Punkt, wo die Bezeugung des Wortes Gottes bei ihm haften und von wo aus sich bei denen, die Gottes Wort annehmen, ein christliches Gewissen bilden kann, dem es fürwahr an Zartheit nicht fehlt.

V * D

Viertes Kapitel.

Die Sprache 6er lerere.

Am Gesang erkennt man den Vogel und an seiner Sprache ein Volk. Die Sprache der Herero, das Otjiherero, wie sie selbst es nennen, gehört zu der Familie der über 250 Dialekte umfassenden Bantnsprachen (wörtlich: Menschensprachen")- Das Verhältnis der verschiedenen Dialekte zueinander ist etwa dasselbe wie das des Deutschen, Holländischen, Englischen, Dänischen, Schwedischen usw. Übrigens sagt man richtiger anstatt Herero-Sprache oder Bantu-Sprache, Sprache der Ovaherero, da wederHerero" nochBantn" Worte bezw. Eigennamen, sondern nur Wortstämme sind, die erst je nachdem zu Substantiven oder Adjektiven oder Verben umgebildet werden können. Jetzt sind durch die Arbeit der Missionare die meisten dieser Bantnsprachen zu Schriftsprachen geworden, die Bücher der Heiligen Schrift in sie über­tragen und biblische Geschichten, Gesang- und andere Lehrbücher in ihnen abgefaßt. Über die Mühseligkeiten der ersten Sprachstudien, da die Missionare darauf angewiesen waren, den Eingeborenen die völlig unbekannte Sprache vom Munde ablauschen zu müssen, ließe sich viel sagen, doch fällt das aus dem Rahmen dieser Arbeit heraus. Jetzt weiß man, daß der Bau der