werden. Schuß- und Stichwunden heilen — selbst wenn sie recht böse sind — gut und schnell. Die meisten Herero erreichen ein hohes Alter, und Leute vou 70 bis zu lOO Jahren sind keine Seltenheit.
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Drittes Kapitel.
Der Oharcrkter cles Volkes.
Die Urteile über den Charakter der Herero sind außerordentlich verschieden und oft einander völlig entgegengesetzt. Der eine Beobachter behauptet nicht selten das Gegenteil vom andern, und doch kann man beiden die Wahrheitstreue nicht absprechen. Der Grund für diese Erscheinung liegt in dem Charakter der Herero selber. Man darf nämlich nicht vergessen, daß der Herero ein Heide und als solcher den Gelüsten und Trieben seines Herzens völlig preisgegeben ist, wenn nicht die schwache Stimme seines Gewissens oder das Recht des Stärkeren ihm hindernd dabei in den Weg tritt. Auch auf ihn paßt Matth. 15, 19: „Aus dem Herzen kommen arge Gedanken." Mit einem gewissen Rechte hat man gesagt, der Schwerpunkt des Hererocharakters, um den sich sein Denken, Fühlen und Wollen drehe, sei die Liebe zu seinem Vieh; ohne dieses sei er kein herrisch und stolz auftretender echter Herero, sondern mutlos und niedrig gesinnt. Aber es gibt auch unter den Armen ebenso anständige Charaktere wie unter den Reichen und unter diesen wiederum ebenso nichtsnutzige wie unter jenen. Der Unterschied liegt doch nicht nur im Besitz, sondern beruht auch wesentlich auf der, wenn auch oft schwachen, Einwirkung des Gewissens. Vor allem darf man bei einer gerechten Beurteilung des Herero niemals übersehen, daß dieser wie alle oder doch die meisten Naturvölker ein Kind des Augenblicks und darum vom Wechsel der Verhältnisse und der Stimmung völlig abhängig ist. Man stößt darum bei ihm ebensowohl auf plötzliche Ausbrüche böser Leidenschaften wie auch andrerseits auf gute Regungen. Die Herero selbst kennen diesen Grundzug ihres Charakters sehr gut. Stellt man nämlich einen von ihnen wegen solcher eben angedeuteten leidenschaftlichen Ausbrüche zur Rede, dann sagen die Umstehenden: „Muhonge (Lehrer), das ist ein Omuherero," d. i. ein Herero, wie er von klein auf in seiner natürlichen Art groß geworden ist. Ein andermal sagen sie von sich und ihrer Art: „Wir Herero haben zwei Herzen, die aber selten miteinander in Einklang stehen." Die eine Seite ihres Wesens kann man etwa mit diesen Worten beschreiben: „Sie sind immer Lügner und „faule Bäuche", treulos und wortbrüchig auf alle Fälle." Die Röm. 1, 18—31 bezeichneten Sünden der Heiden sind auch die ihren. Was