Vorbemerkung.
Aas Volk und das Land der Herero in dem Norden Deutsch-Südwestafrikas, dieses Schmerzenskindes unter unsern Kolonien, sind schon oft in Broschüren, Büchern, Zeitschriften und Reisebeschreibungen schriftstellerisch behandelt worden. Man kann jedoch kaum sagen, daß durch die Fülle der Beschreibungen das Bild klarer und richtiger geworden wäre, welches man sich in der Heimat von dem genannten Volk und Lande macht. Eher haben viele der bezeichneten Mitteilungen nur dazu beigetragen, nicht nur undeutliche, sondern geradezu verkehrte Anschauungen über Land und Leute zu verbreiten. Kein Wunder! Man vergegenwärtige sich nur, wie viele jener Beschreibungen entstanden sind! Ihre Verfasser bereisten das Land oft wie im Fluge, „auf flüchtigem Roß", oft waren sie nur einige Monate dort, oft etwa ein bis drei Jahre, während deren sie flüchtige Reisen ins Innere machten; bald hier, bald dort verweilten sie einige Tage, höchstens an den Hanptplätzen mehrere Wochen. Die Quellen ihrer Nachrichten waren Eingeborene, deren Sprache sie nicht verstanden und deren Erzählungen ihnen nur durch die sogenannten Dolke, d. h. Dolmetscher, zngängig wurden, die ein verstümmeltes Bastard-Holländisch und einige Brocken Deutsch sprechen; dazu kamen einige kurze Unterhaltungen mit Missionaren, die auf wenige Stunden besucht wurden, allerlei Reiseerzählungen, die sie in anderen Büchern fanden, und ihre eigenen meist nur flüchtigen Beobachtungen und Eindrücke. Alles das trug dazu bei, daß sie sich ein Urteil über das Land, seine Eigenschaften und Bewohner bildeten und hernach niederschrieben, welches von der Wirklichkeit in vielen Fällen bedeutend abweicht und sowohl Ethnographen wie Geologen und Linguisten nicht selten aus falsche Fährte geführt hat. Das Schlimmste dabei ist aber, daß die dadurch entstandene Unsicherheit und Unklarheit des Urteils über die tatsächlich bestehenden Verhältnisse dem Deutschen Reich in seiner 16jährigen Kolonisationsarbeit im Lande — vom Jahre 1889 ab — schwere Opfer an Zeit, Geld und Menschenleben gekostet hat.
Einige Beispiele mögen genügen, um viese Behauptungen zu beweisen. Als ich im Dezember des Jahres 1889 nach 20 jährigem Aufenthalt im Hereroland wieder in der Heimat weilte, wurde mir Gelegenheit gegeben, mit einem Herrn zu verhandeln, der als einer der ersten Interessenten viel Geld in das Schutzgebiet des Hererolandes gesteckt statte und ernstlich aus Mittel und Wege zu seiner Hebung bedacht war. Er legte mir seinen neuesten
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