Den Angehörigen beider Missionen, sowohl der evangelischen wie der katholischen, ist es ein offenbares und ernsthaftes Bemühen, durch ständigen Verkehr mit den Ansiedlern und durch freundliches Entgegenkommen Verständnis für die Missionsarbeit zu erwecken oder doch wenigstens Missverständnisse zu verhüten. So kommt es, dass mehr und mehr auch die Ansiedler wohlwollender über die Missionstätigkeit urteilen. Mission und Kolonisation sind nichts Gegensätzliches. Wohl ist das letzte Endziel der Arbeit für beide Stellen ein anderes: die Mission will aus den Eingeborenen vollwertige Christen, die Kolonisation will aus ihnen vollwertige Arbeiter machen, aber beide müssen auf dem langen und beschwerlichen Wege dahin vereint durch die gleichen Gebiete wandern, wie sie in der Erziehung der Eingeborenen zur Arbeit und in ihrer intellektuellen Ausbildung gegeben sind; dabei können beide „in gutem Frieden mit einander leben, wenn jeder die Selbstständigkeit des anderen achtet, keine unbilligen Dienste von ihm fordert und seinerseits die berechtigten Interessen des anderen berücksichtigt.“*) Es scheint, als ob dieses Stadium in Deutsch- Südafrika im Gegensatz zu anderen Schutzgebieten schon jetzt erreicht wäre.
Die kirchliche Seelsorge.
Die evangelische Seelsorge für Weisse durch ordinierte Geistliche wurde im Jahre 1895 in Windhuk aufgenommen, wo sich unter dem von der Rheinischen Mission entsandten Pastor Siebe eine evangelische Gemeinde konstituierte. Siebe war der Geistliche der Gemeinde und zugleich Militärseelsorger. Die Gemeinde wählte einen Gemeindekirchenrat und veranstaltete sofort Sammlungen, um ein Pfarrhaus und eine Kirche zu errichten. Schon 1896 war das Pfarrhaus mit einem zur Abhaltung von Gottesdiensten geeigneten Saal fertiggestellt. Zum Bau der Kirche konnte erst elf Jahre später geschritten werden. Auch in Otjim- bingwe wurde von 1896 ab regelmässiger Gottesdienst, zuerst durch Pastor Olpp von der Rheinischen Mission abgehalten.
Im Jahre 1900 erstrebte die evangelische Gemeinde in Windhuk den Anschluss an die Preussische Landeskirche. In Verfolg dieser Bestrebungen kam als erster vom Oberkirchenrat entsandter Seelsorger im Juni 1900 Pastor Anz in das Schutzgebiet. Gleichfalls
*) Vgl- die treffliche Schrift „Mission und Kolonisation in ihrem gegenseitigen Verhältnis“ von Fr. v. Schwartz, Leipzig 1908.