72
worfene Häuptlinge ihrem Oberhäuptling darbringen, wird im nächsten Ab- »schnitt erklärt.
Staat
Regierung: Das Volk der Tikar zerfällt heute in mehrere Staatsverbände 1 , Bandam, Bamkin, Jakomekwe, Bengbeng, Lomonji, Njua, Jakong, Ngambe, Bukamba, Ditam, dazu die selbständige Dorfschaft Wambai. Volk und Grenzen dieser Staaten sind dauernd geworden durch die deutsche Herrschaft; vorher war ein beständiges Entstehen, Verschmelzen und Zerfallen solcher kleinerer oder größerer Staatsgebilde. Waren sie doch entstanden aus der Vereinigung mehrerer selbständiger Häuptlingsschaften unter einem Oberhäuptling; zusammengezwungen durch Krieg und Gewalt, wurden sie nur durch dauernde Machtwirkung zusammengehalten, ließ diese nach, zerfiel der Staat wieder in seine Bestandteile. Die unterworfenen Häuptlinge blieben Herren in ihrem Gebiet, als Unterhäuptlinge dem Sieger untertan. Aber der Oberhäuptling setzte nie den Unterworfenen ab, um einen seiner Günstlinge an seine Stelle zu bringen. Stirbt der Unterhäuptling eines natürlichen Todes, fällt er selbst in Kampf und Auflehnung, so folgt ihm doch stets der zur Nachfolge berechtigte Blutsverwandte als neuer Unterhäuptling. Die Häuptlingswürde genießt also scheinbar die Achtung einer übernatürlichen Einrichtung, die ein für allemal durch Blutsverwandtschaft gegeben ist. Auch der mächtigste Oberhäuptling ist nicht im Stande Häuptlinge zu ernennen, wie er etwa Edelleute ernennt. Der Unterhäuptling bezeugt dem Oberhäuptling bei jedem Zusammentreffen seine Unterwürfigkeit durch einen Gruß, der an den Augenblick gemahnt, als er oder sein Vorgänger besiegt um Gnade bat: er legt sich zu Füßen des Oberhäuptlings, die Füße auf ihn zu gerichtet, auf den Boden und hält die flach zusammengelegten Hände, die Fingerspitzen nach oben gerichtet, mit bittender Gebärde auf der Brust. Wir erlebten eine solche Begegnung in Bambu, als der Oberhäuptling Fonga von Ngambe dort durchreiste. Wir erfuhren dabei, daß der Vater des Häuptlings vom alten Oberhäuptling Ngambe, dem Oheim des Fonga, unterworfen wurde zu einer Zeit, als der jetzt etwa 45jährige Häuptling von Bambu 4—5 Jahre alt sein mochte. Noch nach so langer Zeit wurde zwischen den beiden Nachfolgern die Zeremonie ausgeübt.
Die Häuptlingswürde vererbt sich auf Bruder oder Sohn, je nach der Bestimmung des verstorbenen Häuptlings, der sie seinen Vertrauten unter den Edelleuten mitgeteilt hat. Von den Familienangehörigen selbst weiß keiner etwas über den künftigen Nachfolger. Auch wenn der bezeichnete Nachfolger den Edeln noch so unerwünscht ist, wird er zum Häuptling erklärt: man würde nicht wagen, sich dem Willen des Verstorbenen zu widersetzen, da nach herrschendem Glauben sein Geist lebt und im Volke wirksam bleibt 2 . Nach dem Tod des Häuptlings kommen alle Edelleute zusammen, unter ihnen natürlich auch die Angehörigen des Verstorbenen. Die in das Geheimnis der Nachfolge Eingeweihten sagen zu dem
1 Vergl. „Politische Verhältnisse“ 2. Teil. S, 22.
2 Vergl. S. 84.