68
Niemand darf sein Totemtier töten, aber das Totem tut seinem menschlichen Genossen auch nichts zu Leide. Tötet ein Mensch sein Totemtier aus Versehen, so läßt er es liegen, dann geschieht ihm nichts; tötet er es aber mit Absicht, wird er zur Strafe sehr krank, ißt er es gar, fallen ihm alle Zähne aus. Das Totemtier hilft heute aber keinem Menschen mehr 1 , weder durch Schutz noch durch unmittelbare Unterstützung. Doch ruft einer sein Totem an, um die Wahrheit zu bezeugen: „mein Tier soll mich töten, wenn ich lüge“. Hat er aber jetzt gelogen, tötet ihn sein Totemtier wirklich.
Der Totemglaube und der Glaube an die Fähigkeit einzelner Menschen, sich in Tiere zu verwandeln oder — genauer — ihren G eist und Willen in Tieren wirksam zu machen, greift lose in einander; doch gilt solche Fähigkeit als sehr selten. Wer sie besitzt und sich selber verwandeln kann, ist darin nicht einmal an sein Totem gebunden; verwandelt er seinen Geist aber in sein Totem und das Tier wird dann getötet, muß er sterben, während er bei der Verwandlung in ein beliebiges andres Tier nicht zu sterben braucht. Im Übrigen besteht — es sei noch einmal betont — kein Glaube an ein Doppeldasein von Mensch und Totemtier.
Erzählungen von der Entstehung verschiedener Toteme
Ein Mann galt als sehr furchtsam und wurde deshalb überall verlacht. Selbst als er sich verheiratete, sagte der Vater der Frau zu ihr: „Dein Mann ist ein rechter Feigling“. Der Mann ging mit seiner Frau und andern Leuten in den Wald; sie legten sich hin und wollten schlafen. Da lief eine Giftschlange dem Mann über das Gesicht, er faßte zu und hielt sie in der Hand. Als das die andern Leute sahen, sagten sie: „Der ist wirklich kein Feigling, seht, er faßt die Giftschlange mit der Hand an.“ Später sagte der Mann zu seinen Kindern: „Tötet nie eine Giftschlange, sie hat den Leuten gezeigt, daß ich nicht feige bin“. —
Ein Häuptling wurde von seinem Nachbarn mit Krieg überzogen, er mußte mit seinen Leuten fliehen. Da kam er an einen großen Fluß im Wald, der war viel zu breit und viel zu tief, als daß sie durchkonnten; sie mußten am Ufer bleiben, und der Feind kam näher und näher. Da erschienen zwei Riesenschlangen 2 , verstrickten ihre Schwänze mit einander, und jede hakte sich mit dem Kopf an einem Baum an einem der beiden Ufer fest. Da konnte der Häuptling mit allen seinen Leuten über diese lebende Brücke fliehen; und als alle hinüber waren, verschwanden die Schlangen wieder im Wald. Da sagte der Häuptling zu allen seinen Kindern: „Tötet nie eine Riesenschlange, denn sie hat mich gerettet.“ — Von der Befolgung dieses Totemgesetzes erlebten wir einen Beweis: der Edelmann Wambo aus Njua, der aus dem Häuptlingsgeschlecht stammte, verscheuchte eine Riesenschlange, der wir auf dem Weg begegneten, mit leisem Zischen, indem er zugleich vorgab, das Gewehrfutteral, das er trug, nicht öffnen zu können; dies Zögern und das Zischen retteten die Schlange, ehe das Gewehr schußbereit war. —
1 Vergl. Mansfeld a. a. O. S. 220.
3 Vergl. Thorbeeke. Die Tikar. Deutsche Kol.-Ztg. 1914. Nr. 18.