Periodicaltome 
Teil 3 (1919) Beiträge zur Völkerkunde des Ost-Mbamlandes / unter Mitarb. von Theodor Mollison ... von Franz und Marie Pauline Thorbecke
Place and Date of Creation
Page
66
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

66

Sima aus Ngambc, einer unsrer Träger, ist der uneheliche Sohn eines Weibes aus Ngambe und eines Mannes aus Jakong, seine Mutter heiratet später einen Mann aus Ngambe, der den Jungen mit bei sich auf nimmt. Dieser Mann hat noch eine zweite Frau, die selber keine Kinder hat. Als Simas Stiefvater längst gestorben war, erkrankt diese zweite Frau und braucht die Hilfe eines Zauberarztes. Sima bezahlt für die alte Frau, mit der ergarnicht verwandt oder verschwägert ist, das im Voraus zu entrichtende halbe Honorar, im Betrag von 10. M., trotzdem es mehr als die Hälfte seines Lohnes ausmacht; er verspricht, auch die andre Hälfte zu zahlen, wenn die Alte gesund wird.

Mit Ausnahme unehelicher Kinder, die der Mutter verbleiben, gehören die Kin­der unbedingt dem Vater. Wird die Ehe der Eltern geschieden, solange das Kind gestillt wird, bleibt es vorläufig bei der Mutter; sobald es aber einigermaßen selb­ständig geworden ist, muß es die Mutter dem Vater abliefern.

In der Häuptlingsfamilie gelten nur die Kinder als zur eigentlichen Familie gehörig, da sie eines Blutes mit dem Häuptling sind; die Weiber haben eine ge­ringere Stellung als Kinder und Geschwister des Häuptlings. Auch werden auf der Begräbnisstätte eines Häuptlings nur die noch unselbständigen Häuptlings­kinder mit bestattet, die Weiber sind dieser Ehre nicht teilhaftig,. Die erwachse­nen Geschwister des Häuptlings haben die Stellung eines besonders vornehmen Edelmannes, ihre Leiche wird entsprechend ehrenvoll bestattet.

Über die Kinderzahl der Frauen können wir mit ziemlicher Sicherheit die Be­hauptung auf stellen: je mehr Frauen in einem Gehöft, um so weniger Kinder hat jede einzelne. Während uns nie eine in Einehe lebende Tikarfrau vorgekommen ist, die kinderlos geblieben wäre, wir im Gegenteil viele mit drei Kindern und mehrere mit fünf Kindern kennen lernten, im Altersunterschied von je­weils etwa vier Jahren, nimmt die Kinderzahl in genau dem Verhältnis ab, wie die Vielweiberei eines Mannes zunimmt 1 . Die Kinderlosigkeit der meisten Häuptlingsweiber beruht auf Krankheit als Folge von Abtreibung oder veneri­scher Ansteckung, großenteils aber auch auf dem Unvermögen des Mannes. Wie Njansi von Ngambe das Problem löste, haben wir oben gehört. Anders faßte es der Häuptling Wambai an: in seinem Harem hatte jede seiner sieben Frauen einen Säugling unter vier Jahren, zwei von ihnen noch ein größeres Kind, alle von ihm. Im Gegensatz zu andern Häuptlingen war ihm sein Harem nicht nur Vergnügen und Luxus, er hatte sich vielmehr das Ziel gesetzt, die Be­völkerung der ihm unterstellten menschenarmen Landschaft nach Möglichkeit selbst zu vermehren: 1 mähe man, war sein bezeichnender Ausspruch.

Tod: Jeder Todesfall ist ein schreckhaftes und trauriges Ereignis für die ganze Familie. Mann, Frau, Kinder und Geschwister scheren sich Haare und Bart und reiben sich den Körper mit weißem Aschenbrei ein, der Mann für seine Frau drei Tage lang, die Frau für den Mann vier Tage, für Kinder einen Tag, für Brüder drei, für einen Freund einen Tag. Hat ein Häuptling sehr viele Weiber, so macht er sich diese Mühe nicht für eine jede, sondern nur für die Hauptfrau oder eine große Frau. Pflicht der Witwe ist auch das Tragen eines weißen Tuches, und

1 Genauere Angaben hierüber im KapitelBevölkerungsbewegung, 2. Teil, S. 4042