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sitzen, oder würde selbst nur e i n großer Stamm sich fest gegen den äußeren Feind zusammenschließen, dann würde ihre völlige Unterwerfung große Schwierigkeiten kosten. Der Wald ist eine Festung, gegen die Geschütze und Maschinengewehre machtlos sind.
Der Pangwe kennt noch kaum Bedürfnisse und hat mit Ausnahme seiner Gewehre, des Pulvers und Messer keinen eigentlichen ständigen Besitz, zwei Momente, die seine Unterwerfung ebenfalls wesentlich erschweren.
Sein Haus, aus Baumrinde, Raphia-Rippen und .. -Matten hergestellt, repräsentiert so gut wie keinen Wert, desgleichen sein meist ausschließlich selbst gefertigter Hausrat, die Lebensmittelpflanzungen entstehen in wenig Wochen in noch größerer Fruchtbarkeit an anderer Stelle wieder, ein bodenständiges Heimatsgefühl ist ihm fremd, so daß er ohne weiteres seinen bisherigen Wohnsitz mit einem anderen vertauscht.
Im Charakter ist der Pangwe durchaus nicht unsympathisch. Sein Wildheits- und Unabhängigkeitsdrang, die ihn zur Unbotmäßigkeit treiben, sind an und für sich kein Fehler. Streitsüchtig und kriegslustig scheint er zu sein, wenigstens sprechen dafür die fortwährenden Stammesfehden, rachsüchtig ebenfalls, da er das Gesetz der Blutrache besonders heilig hält und ihm mit großer Gewissenhaftigkeit nachkommt.
Obwohl von kräftigem, widerstandsfähigem Körperbau, ist der Pangwe doch jeglicher schweren Arbeit — die Waldarbeit ausgenommen — abhold. Das Fällen der Bäume zur Anlage der Lebensmittelpflanzungen, das Roden von Waldland zum Hausbau und wenn man dazu noch die Jagd rechnen will, so ist damit die Tätigkeit eines Pangwe-Mannes genannt. Alle übrigen Arbeiten macht das Weib, das deshalb auch sehr geschätzt wird und gut im Preise steht (200 bis 300 Mark im Durchschnitt). — Sich möglichst bald und möglichst viel 1 ) Weiber anzuschaffen — weniger aus geschlechtlichen 2 ) als wirtschaftlichen Motiven ■— ist das Streben jedes Pangwe, und um dies zu erreichen, arbeitet er auch zeitweiße fleißig im Wald, um Gummi und Blöcher 3 ) zu holen, gegen die er dann die als Weiberkaufgeld in Betracht kommenden Waren (Haumesser, Tücher, Kessel, Gewehre usw.) in der Faktorei oder von durchziehenden Kaufleuten eintauscht.
! ) Bei der großen Nachfrage bringt es der Pangwe aber selten über 2 bis 3 Frauen.
2 ) Oft werden die Mädchen schon mit 4 bis 5 Jahren verhandelt.
3 ) 1 Bloch = 1 Stammabschnitt (Rundling) von mindestens 3 m Länge.
Die Eingeborenenpflanzungen sind die für den ganzen Tropenwald bekannten: Kassada, Mais,
Yams, Maniok, Zuckerrohr, Erdnüsse usw., etwas Tabak und dann vor allem Planten, die man hauptsächlich in allernächster Dorfnähe, und zwar an den beiden Längsseiten der Zeilendörfer findet. Die Pflanzungen finden ausschließlich auf frisch gerodeten Urwaldflächen statt, die beim Nachlassen der P'ruchtbarkeit wieder aufgegeben werden, oft schon nach zwei bis drei, meist erst nach sechs bis acht Jahren.
Von Haustieren ist in erster Linie das Huhn zu nennen, das in allen Dörfern gehalten wird, dann eine große Entenart, Schafe und die genügsame waldweidende Ziege, die bis zu 40 und mehr Stück in einzelnen Dörfern angetroffen wurde. Der Hund, allerdings in sehr minderwertiger Rasse, fehlt fast in keiner Haushaltung; Katzen sind seltener.
Die Nahrung besteht fast ausschließlich in obengenannten Vegetabilien, 1 ) wozu öl und kleine Fische meist die einzige Abwechslung bieten. Fleischnahrung ist bei der großen Wildarmut des Lhrwaldes, der als Jagdbeute neben Affen eigentlich nur noch in nennenswerter Weise das Pinselohrschwein liefert, selten, und ist der Pangwe in dieser Beziehung fast ausschließlich auf den kleinen Viehstand angewiesen. Daraus erklärt sich auch der oft unbezwingliche Fleischhunger der Pangwe, der auch heute noch zu Fällen von Kannibalismus im Muni- Bezirk führt.
Von den Krankheiten scheinen mir Haut- und Geschlechtskrankheiten die erste Stelle einzunehmen. Sehr häufig sind Filaria-Erkrankungen, während Malaria und Dysenterie verhältnismäßig wenig Vorkommen. Leprakranke wurden am Noja bei Akurnam, von Schlafkranken ein typischer Fall in Mobe festgestellt, der bei dem häufigen Vorkommen von Glossinen zum mindesten eine große Gefahr für die Nachbarschaft bedeutet.
5. Die Pflanzenwelt.
Der Bezirk ist vom Küstenrande beginnend bis zu seinem östlichen Ende e i n zusammenhängender geschlossener Waldkomplex, der in seiner primären Urwaldzusammensetzung lediglich durch die Anlage von Dorfschaften und Eingeborenenkulturen unwesentliche Unterbrechungen erleidet. An dem größten Teile der Küste sowie längs der meisten Flüsse und Bachufer, soweit sie im Gebiete der Flut gelegen sind, finden wir in wechselnder Tiefe 2 ) einen Gürtel von Mangroven, entlang der Küste bis
] ) Vor allem in dem aus den gekochten und gestampften Kassadawurzeln gefertigten wurstförmigen Kang.
2 ) 50 bis 5000 m.