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Die Bevölkerungsbewegung
Nach den Berichten der ersten Reisenden ist das Ost-Mbamland früher dichter bevölkert gewesen als heute. Zu Morgens 1 Zeiten gab Ngila seine waffenfähige Gefolgschaft auf 2000 Mann an, Dominik 2 sah 1894 in Ngilas Stadt „wohl drei- bis viertausend Wutes“, Stetten 3 nahm in Ngila 5000—6000, in Sanserni, der Lagerstadt des Lamido von Tibati vor Ngambe, gar 10 000 Einwohner an; und Moisel 4 rechnet, auf Grund der Tagebücher von Bülow, Glauning, Graf v. Stillfried auf Ngambe 10 000, auf „Ngila“ 2400, auf „Tina“ 2000—3000, auf Tibati aber nur 2000 Einwohner. Solchen Zahlen begegnen wir heute nirgends mehr. Mag auch die seit Errichtung des Friedens überall bemerkbare Dezentralisation, das Abwandern von den großen Ortschaften aufs Land, viel zur Verringerung der Einwohnerzahl der Häuptlingssitze beigetragen haben, so ist doch aus den Zeugnissen der Eingeborenen selber zu entnehmen, daß auch die absolute Bevölkerungszahl abgenommen hat. Tikar, Bati und Balom haben uns mehrfach übereinstimmend berichtet, daß ihre Völker früher viel zahlreicher waren, daß sie aber durch die Sklavenjagden und die jahrelangen Kriege mit den Tibati und den Wüte sehr zusammengeschmolzen seien. Eine große Pockenepidemie hätte dann später ihre Zahl noch bedeutend verringert. Ein Beispiel erläutere ihre Berichte: das kleine Dorf Mongong, an der Straße von Ngambe nach Joko gelegen, das 1912 nur 16 Männer, 24 Weiber und 6 Kinder zählte, soll dem Häuptling von Ngambe mit 200 Schildträgern im Kampf mit Tibati 5 , der zwischen 1891 und 1893 ausbrach, zu Hülfe geeilt sein!
Wenn auch seit der allgemeinen Impfung die Sterblichkeit etwas nachgelassen hat, so ist doch die Bevölkerung im besten Fall heute nur in sehr langsamem Zunehmen begriffen. Trotzdem kann ich dem Pessimismus derer, die aus dem Kleinerwerden der Häuptlingsorte auch heute noch auf ein weiteres Abnehmen der Bevölkerung schließen wollen, nicht beipflichten, da ich die Abnahme der Größe der Dörfer lediglich auf die Abwanderung zurückführe. Allerdings herrscht immer noch eine sehr starke Säuglingssterblichkeit; wir erfuhren z. B, daß einem Häuptling von 15 Kindern 7 gestorben waren, einem andern von 6 allein an Dysenterie 4, einem dritten von 20 an Pocken 16. Man trifft auch nur verhältnismäßig wenig alte Leute. Nach der Anschauung der Eingeborenen ist ein dauernder Stillstand der Bevölkerungszahl richtig und normal. Das geht auch aus einer Tierfabel der Tikar hervor: darin wird für gut und richtig erklärt, daß die Menschen stürben, denn Bonet würden ihrer immer mehr und bald würde Ödland zur Anlage neuer Äcker nicht mehr vorhanden sein; so sollten immer so viele sterben wie geboren werden, damit die Zahl stets gleich bleibe!
Die Zähllisten ergeben, daß durchschnittlich bei den Tikar auf 3 Erwachsene
1 Morgen. Durch Kamerun. S. 84.
2 Dominik. Sechs Kriegs- und Friedensjahre S. 79.
3 Kol. Bl. 1895. S. 651.
4 Mitteilungen a. d. deutschen Schutzgebieten. 1903. S. 251.
5 Vergl. im Abschnitt „Geschichte“' S. 17.