Viel stärker und tiefer als bei den Tikar ist der Staatsgedanke bei den Wüte entwickelt. Er verdichtet sich in der Person des Oberhäuptlings, der mit unumschränkter Gewalt regiert, Land und Menschen seinen Günstlingen und Brüdern zu Lehen gibt und nur danach strebt, seine Macht und damit die seines Staates auszubreiten. Je unumschränkter ein Wutehäuptling regierte, um so strammer war in seinem Stamm die Ordnung 1 , um so fester das Gefüge seines Staates. Bei seiner Ausbreitung und bei der Unterwerfung andrer Völker mußten sich die Unterworfenen in Sprache und Sitte dem Wüte anpassen, sie wurden zu Gliedern des Wute-Staates und gingen auch bald ganz in ihm auf.
Wie sich die Staatsform der Wüte der der kleinen Bantustämme überlegen zeigte, überwand der Feudalstaat der Fullah einen Teil der Wüte und der Mbum. Was Passarge 2 über diese politische Organisation sagt, die der unsrer mittelalterlichen Staaten auffällig ähnelt, trifft in allen Stücken auf Tibati zu: charakteristisch ist auch hier das Bestreben des Lamido, sich mit möglichst zahlreicher waffenfähiger Gefolgschaft zu umgeben, und die Besetzung wichtiger Ämter mit Angehörigen unterworfener Negerstämme.
Ethnische und religiöse Gemeinschaften
Alle Völker und Stämme des Ost-Mbamlandes bilden ursprünglich nur ethnische Gemeinschaften; nirgends hält sie eine gemeinsame eigene Weltanschauung oder Religion zusammen.
So selbständig und rein die Tikar ihr Volkstum im eigenen Land gehalten haben, waren 6ie doch nicht im Stande, bei ihrer Ausbreitung über andre Länder den ethnischen Zusammenhang mit der alten Heimat auf die Dauer zu wahren. Kräftige Tikarscharen, die nach Bamum und Bansso auswan- derten, machten sich dort wohl dauernd zu Herren der Einheimischen und halten heute noch ihre Überlieferungen hoch, haben aber jeden völkischen oder politischen Zusammenhang mit dem alten Tikar verloren.
Der Wüte aber büßte nie sein Volkstum ein; er, der politisch stärkere, zwang alle die vielen unterworfenen Völker völlig unter seine Sprache und Sitte; sie hatten nur die Wahl, äußerlich Wüte zu werden oder zu sterben. So hat sich der Wüte überall durchgesetzt und behauptet.
Sobald aber die Macht der Wüte gebrochen war, erwachte das Gefühl der ethnischen Zusammengehörigkeit bei den Unterworfenen, ohne sich zunächst in politischen Befreiungsversuchen zu äußern. So spiegeln sich heute die ursprünglichen ethnischen Gemeinschaften deutlich in der Siedelung wieder: die Völker wohnen auch da, wo sie durch einander gewirbelt sind, nicht in denselben Dörfern, jedes Volk baut sein kleines Dorf für sich. Das ist deutlich zu beobachten in der Wute-Ebene, auf den Ndomme an der Regierungsstraße von Jakong nach Joko, besonders aber rings um das Njanti-Gebirge; Wüte, Tikar, Baja, Bati, Jandjom, Balom, Njanti und Fuk wohnen, politisch sogar noch zum
1 Dominik. Kol. Bl. 1897. S. 417.
* Passarge. Kamerun (Deutsches Kolonialreich I). S. 472.