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gewiß wahre Satz, daß der Wert unserer Kolonien danach zu beurteilen ist, was sie uns in Zukunft liefern werden, und nicht nach dem, was sie uns jetzt gewähren, ist von beiden Teilen, von Freunden und Gegnern unserer Kolonialpolitik, oft falsch aufgefaßt worden. Der für eine ruhige Erwägung dieser Frage richtigste Weg bleibt aber wohl der, zunächst einmal die gegenwärtige Produktionskraft jener Länder zu untersuchen und aus diesen Ergebnissen einen Schluß auf die Zukunft zu ziehen. Dieser Standpunkt soll uns bei den folgenden Untersuchungen leiten.
Zur leichteren Übersicht wollen wir das große Gebiet in folgende Hauptgruppen trennen, nämlich in:
A. Viehzucht und Haustiere,
B. Jagd,
C. Fischerei.
A. Viehzucht und Haustiere.
Allgemeines.
Wenn wir einen allgemeinen Blick auf den Stand der Viehzucht in Deutsch-Ostafrika werfen, bietet sich uns im großen und ganzen ein günstiges Bild dar, trotz der teilweise noch unvollkommenen Art, in welcher sie betrieben wird. War auch der Reichtum an Vieh vor dem Auftreten der verheerenden Viehsterbe, die Anfang der neunziger Jahre fast den ganzen Bestand vernichtete, ein bedeutenderer als jetzt, so haben sich nunmehr die Bezirke von diesem schweren Schlag völlig erholt, und die Zucht nimmt von Jahr zu Jahr an Aufschwung zu. Die nach Möglichkeit genau durchgeführte Zählung resp. Schätzung des vorhandenen Viehes im Jahre 1902 ergab 510 500 Rinder, 1576 000 Ziegen und 1410000 Schafe. 1 )
Die Bewohner der Küste treiben eigentlich nirgends recht Viehzucht; 2 ) doch ist wohl kein Dorf ohne Vieh, 3 ) wenige Ziegen, manchmal auch Schafe, Hühner und Enten werden gehalten. Rinder sind an der Küste, wegen des dort herrschenden Texasfiebers und der Surrakrankheit, selten; doch zeigt uns die Insel Mafia einen guten Viehstand. Hier hat die Regierung eine Viehstation errichtet.
9 Denkschrift über die Entw. der Deutschen Schutzgebiete 1902/03, S. 26.
2 ) Rochus Schmidt, Deutschlands Kolonien, ihre Gestaltung, Entw. und Hilfsquellen, S. 165. — Pani Reichardt, Deutsch-Ostafrika, S. 315.
3 ) Wohltraann, Deutsch-Ostafrika, S. 58.