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Bei der Beurteilung der Aussiedlungsfrage muß übrigens, wie schon betont, sehr wohl berücksichtigt werden, daß nicht nur Hunderttausende, sondern Millionen von Bewohnern unseres Neulandes teils geflohen, großenteils aber von den Russen ver- s ch l e p P t worden sind. So ist z. B. ein sehr großer Teil der lettischen und litauischen Bauern mitsamt ihrem lebenden Inventar von den Russen weggetrieben worden, und fast alle großrussischen Siedler aus den neuen russischen Kolonien Litauens sind geflohen.
Bei dem entsetzlichen Elend unter den Flüchtlingen, das besonders erst im Winter einsetzen wird, werden zahllose Familien ganz zugrunde gehen oder doch wirtschaftlich ruiniert werden und nicht mehr wiederkehren oder doch ihren Besitz kaum halten können, so daß uns die Russen mit ihrem „menschenfreundlichen" Verfahren die „Aussiedlungsarbeit" zweifellos außerordentlich erleichtern. In gleicher Richtung wirkt die gewaltige Vernichtung von Gebäuden und Inventarien, die der Krieg an sich und insbesondere die Zerstörungswut der Russen in jenen Neuländern anrichtet.
Die Ansprüche der Polen auf unser litauisch-weißrussisches Neuland; ihre Aussiedlung aus ihm.
Daß auchdiePolen aus unserem Neuland, z. B. aus dem Gouvernement Suwalki, aus- und zwar zurückzusiedeln sind in die in ihrer Heimat freiwerdenden deutschen Dörfer, bedarf Wohl keiner weiteren Begründung. Ein derartiges Vorgehen, bei dem jede finanzielle Schädigung vermieden werden kann und soll, liegt zu sehr im beiderseitigen Interesse zur Vermeidung neuer völkischer Neibungsflächen, als daß man diese wohl nie wiederkehrende Gelegenheit, die beiderseitigen Beziehungen zu klären und zu bessern, unbenutzt lassen dürfte.
Hätte man 1871 der Forderung Moltkes auf Aussiedlung der Franzosen aus dem eroberten Reichslande Folge gegeben und gute Deutsche an die Stelle dieser ständigen Störenfriede gesetzt, so wäre die Entwicklung in den Reichslanden zweifellos ganz anders, und zwar viel günstiger für uns verlaufen. Daß damals nicht reiner Tisch gemacht worden ist, hat sich aufs schwerste gerächt, wie die ganze Entwicklung der politischen Verhältnisse im Reichslande zeigt. Wahrscheinlich hätten die Franzosen ihre Bestrebungen auf die Wiedergewinnung der Reichslande schon läng st aufgegeben, wenn dort statt ihrer Landsleute, die sie immer wiederzu ihrer „Befreiung" drängten, gute Deutsche gesessen hätten. Vielleicht wäre dieser furchtbare Krieg vermieden