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Brasilien und die deutsch-brasilianische Kolonie Blumenau / von [Karl A.] Wettstein
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Die Komark Blumenau. Verkehrsverhältnisse.

wicklung vom einen zum anderen hätten wohl ziemlich exakte Schlüsse auf die reiche Erzeugung und den infolge der weiten Wege und hohen Frachten ungenügenden Absatz gewährt. Von 350 Rundschreiben sind mir aber nur 10 beantwortet worden; auf über 100 Briefe gaben nur etwa 50 Auskunft. Allerdings hat der damalige Kaiserliche Gesandte in Rio de Janeiro, Herr v. Treutier, mir in entgegenkommendster Weise die Unterstützung der in Frage stehenden Konsulate vermittelt. Die private Unterstützung wäre aber um so wichtiger gewesen, als es an amtlichen statistischen Zahlen in Brasilien fast durchweg mangelt. Wenn ich somit auf den Ausgangspunkt der Mais­preise und die ausgedehnte Verwertung privater Mitteilungen verzichten muß, so konnte ich dafür in einer großen Anzahl von Fällen mich auf eigene Be­obachtungen und an Ort und Stelle selbst gesammeltes Material stützen.

Der erste Teil der folgenden Abhandlung soll allgemein die volkswirt­schaftliche Bedeutung, das Wesen und die wirtschaftliche Stellung der Ver­kehrsmittel in der Komark Blumenau dartun, der zweite Teil wird im einzelnen das Verkehrsnetz von der Spitze der Urwaldpikaden bis zum Weltverkehr der Ozeanfahrer zu verfolgen und die praktische Tätigkeit der Verkehrsmittel zu erörtern haben.

Allgemeiner Teil.

Das Verkehrswesen und seine Wirkungen auf die Volkswirtschaft.

Die Kolonie Blumenau besteht heute erst 57 Jahre. 1 ) Fertige deutsche Kultur ist in ihr gebirgiges Urwaldgelände übertragen. Der einheimische Indianer (Buger) weicht ihr indes scheu aus, ohne irgend einen Teil zu ihrer Entwicklung beitragen zu wollen oder auch zu können. Der Verkehr mit den Kampbewohnern des Hochlands ist ebenfalls spärlich. Seitlich trennen die deutschen Schwesterkolonien Joinville, S. Bento und Brusque die Komark von der brasilianischen Bevölkerung; und nirgends schiebt sich eine wichtige größere brasilianische Stadt, sondern nur ein unbedeutendes Städtchen und Munizip wie Itajahy zwischen das Municipium Blumenau und den von deutschen Schiffen vermittelten Weltverkehr ein. Aus eben diesen Gründen zeigt Blumenau auch heute noch ausgesprochen deutschen Charakter und zwar deutschen Kolonie­charakter, wenn auch kein legitimes Mutterland sich zu dieser Kolonie bekennt.

Von einer selbständigen unserem europäischen Schema etwa entsprechen­den geschichtlichen Vorwärtsentwicklung eineslokalgebundenen Ver­kehrs 2 ) zumstaatlich gebundenen und schließlich zumfreien Verkehr kann man deshalb dort nicht reden. Da aber die deutschen Kolonisten (70% der 42000 Einwohner) aus Deutschland zu einer Zeit schon reich entwickelter Volkswirtschaft und einer Periode vielgestaltigen freien Verkehrs heraus ein-

0 Dieses Kapitel, meine Inauguraldissertation, wird auch getrennt von der übrigen Schrift veröffentlicht werden. Deshalb sind einige Wiederholungen geboten. D. V.

2 ) Vgl. Philippowitsch, Grundriß der politischen Ökonomie.